„Wir fahren die Rennen der Zukunft“

Gleich vier einheimische Fahrer starten in Berlin. Nick Heidfeld, André Lotterer, Maro Engel und Daniel Abt sprechen über den Boom der Elektro-Meisterschaft.

André Lotterer, Nick Heidfeld, Daniel Abt, Maro Engel, mit Ihnen starten vier deutsche Fahrer beim Heimrennen, doppelt so viele wie in der Formel 1. Warum boomt die Formel E?
Nick Heidfeld (41): Das hat sich wirklich geändert. Anfangs standen dem ganzen Konzept und dem Thema Elektromobilität und Racing viele skeptisch gegenüber. Aber zumindest das Feedback, das ich erhalten habe, zeigt, dass sich das recht rasch geändert hat. Dass jetzt immer mehr Fahrer kommen, liegt auch daran, dass es im Motorsport sonst nicht mehr viel gibt, wo du als Rennfahrer bezahlt wirst. In der DTM und in der Sportwagen-WM steigen immer mehr Hersteller aus. Da kommen manche Fahrer einfach aus der Not heraus in die Formel E. Wobei die Mehrheit der Piloten ganz bestimmt auch starken Gefallen an der Formel E findet, da bin ich mir sicher.  

Herr Lotterer, Sie waren ja zum Beispiel einer dieser Kritiker. 

André Lotterer (36): So kritisch war ich auch nicht. Ich war einfach da glücklich, wo ich war, und dass ich mit Audi und Porsche die 1000-PS-Prototypen fahren durfte. Mich mit der Formel E zu identifizieren, fiel mir anfangs nicht leicht. Aber jetzt bin ich hier, und es macht tierisch Spaß. 

Trotzdem gibt es ja noch immer sehr viele, wie unseren ehemaliger Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, die überhaupt kein Fan der Formel E sind. Fühlen Sie sich immer noch belächelt?

Daniel Abt (25): Das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Wir fahren in der Serie mit den meisten Herstellern. Man muss sich doch nur mal anschauen, was da auf der Strecke los ist. Ob das Walter Röhrl gefällt, ist mir egal. Er kann da seine eigene Meinung haben, und das ist auch okay so. Aber ich sehe das anders. Zwischen uns liegen ja doch ein paar Jahre. Ich habe hier auf jeden Fall Spaß. 

Lotterer: Für manche Leute war es einfach schwierig zu verstehen, dass das die Zukunft ist und man da mitmachen sollte. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich belächelt werde. 

Ein Kritikpunkt ist, dass die Autos zu langsam sind. Topspeed: 225 km/h. Ist Ihnen das wirklich schnell genug?

Maro Engel (32): Klar fahren wir nicht so schnell wie in der Formel 1. Aber in Marrakesch waren wir schneller als die Tourenwagen-Weltmeisterschaft. Ich schätze, wir sind von der Rundenzeit her auf GT3-Sportwagen-Niveau. Und keiner würde sagen, dass die GT3-Autos langsam sind.

Abt

Daniel Abt ist der erste deutsche Formel E Sieger

Abt: Wenn wir so schnell wären wie die Formel 1, dürften wir hier auch nicht mehr in den Innenstädten fahren. Denn dafür sind die Kurse gar nicht ausgelegt. In der Formel 1 hast du breitere Strecken, Auslaufzonen und so weiter. Nächstes Jahr haben wir 340 statt 272 PS und werden schneller. Aber wenn wir das den Zuschauern nicht kommunizieren, dann sehen die das nicht mal. Die Formel-1-Autos sind derzeit wirklich irre schnell. Aber wenn man sie am Fernsehen sieht, denkt man sich: „Na ja, so beeindruckend schnell ist das nicht.“ 

Heidfeld: Die Autos werden ja 2019 tatsächlich schon schneller. Das ist auch gut so, denn gerade vor Ort schauen wir wirklich noch etwas langsam aus. Und man muss auch zeigen, dass sich die Technik weiter entwickelt und nicht stehen bleibt. Meine Sorge ist nur, dass dann die Überholmanöver weniger werden. Denn anders als die Formel 1 kann bei uns wirklich noch gut überholt werden. Obwohl wir auf engen Stadtkursen unterwegs sind. 

Lotterer: Auf diesen Stadtkursen zu fahren fühlt sich so an, als wärst du 300 km/h schnell. Geschwindigkeit gilt ja immer in Relation zur Strecke. Mit einem Formel-1-Auto würdest du hier manche Kurven gar nicht fahren können. Das ist bei uns echt viel mehr Abenteuer. 

Gefallen Ihnen die Stadtkurse, oder wollen Piloten lieber auf richtigen Rennstrecken fahren?

Heidfeld: In der Formel 1 wurde immer gesagt: Monaco ist die coolste Strecke. Hier haben wir nur solche Kurse. 

Engel: Ich bin ein Fan davon. Mit den Mauern haben wir klare Limits. Ohne Diskussion. Das verlangt eine ganz andere Perfektion. Für mich sind Stadtkurse das Nonplusultra. 

Abt: Auf normalen Strecken beginnst du gleich bei 100 Prozent. Und wenn du drüber bist, macht es auch nichts. Hier fängst du mit 90 Prozent an und steigerst dich langsam. Denn du weißt: Weil hier alles an einem Tag stattfindet und kaum Zeit für Reparaturen ist, kannst du Probleme bekommen, wenn du schon im Training einen auf harten Kerl machst und es dann schiefgeht. 

Die Strecken, das Tagesformat, das Energiemanagement – ist die Formel E die schwierigste Rennserie, in der Sie bisher waren?

Heidfeld: Das kann man so nicht sagen. Jede Rennserie ist anders. Und jedes Rennjahr ist anders. Auch in der Formel 1 standen manchmal die Reifen, manchmal die Strategie, manchmal andere Änderungen im Vordergrund. Es war immer anders. Ja, die Formel E ist schwierig und herausfordernd, aber ich würde nicht sagen, dass sie schwieriger ist als andere Serien. 

Abt: Du hast halt mehr Faktoren. Es geht nicht nur ums Überholen und Vollgasgeben, sondern auch ums Energiemanagement und die damit verbundenen Strategiemöglichkeiten. Und wir können hier Rad an Rad fahren. Weil wir keine High-Downforce-Flaps an den Autos haben. Schau dir die DTM an: Wenn du da in der ersten Runde eine Kollision hast und dir ein Teil abfährst, ist das Rennen gelaufen. Dann hast du so viel Untersteuern, dass du drei Zehntel langsamer bist. Das ist hier nicht der Fall. Deswegen trauen sich die Fahrer auch mehr, gehen mehr Risiko ein. Die Stadtkurse tragen auch zur Action bei. Denn wenn du einen Fehler machst, landest du in der Mauer.

Die Serie scheint aber so schwierig zu sein, dass in 41 Rennen erst einer von Ihnen gewinnen konnte. Das waren Sie, Herr Abt, dieses Jahr in Mexiko.

Abt: Die Leistungsdichte hier ist einfach sehr hoch. Du musst außerdem alle Probleme an einem Tag aussortieren. Du hast nicht einen Trainingstag, wo du verschiedene Setups ausprobieren kannst. Und im Qualifying haben wir nur eine Runde, die muss sitzen. Wenn du da mal einen Fehler machst, bist du gleich weiter hinten. Das trägt dazu bei, dass es mehr Vermischung gibt und nicht immer dieselben vorn sind. Aber im Endeffekt ist Gewinnen immer schwierig. Auch in der Formel 1.

Heidfeld: Das Fahrerniveau ist hier auch extrem hoch. Ich glaube, da braucht sich die Formel E vor keiner Rennserie zu verstecken. In der Formel 1 gibt es vielleicht noch mehr Spitzenpiloten, aber in der breiten Masse ist das hier schon echt stark. 

Was wünschen Sie sich noch für die Zukunft der Formel E?

Abt: Schwierig. Vielleicht mehr Platz in der Garage … (lacht). 

Lotterer: Ein Nachtrennen in Tokio wäre cool.

Engel: Überhaupt ein Nachtrennen wäre klasse. 

Heidfeld: Ich bin kein Freund des Fanboosts. Den könnte man abschaffen.