Am Freitag des Großbritannien-Wochenendes traute noch niemand dem Braten so recht, den Aston Martin servierte. Lance Stroll überraschte im FP1 mit Rang 2 und Fernando Alonso komplettierte die gute Performance mit einer Top-6-Platzierung. Auch im FP2 und FP3 reihten sich beide um den zehnten Platz herum ein. Nachdem sich der Rennstall aus Silverstone am vergangenen Wochenende in Österreich nahezu selbst beerdigte, hielten einige Experten die schnellen Trainingsrunden für Showruns vor heimischem Publikum und glaubten nicht an die Auferstehung. Doch in der Qualifikation am Samstag wurden Zweifler eines Besseren belehrt.

Alonso überzeugt: Neue Upgrades lösen Probleme am Aston Martin

“Beide Autos im Q3 – das ist ein starkes Ergebnis für uns heute. Die Änderungen, die wir am Auto nach Österreich vorgenommen haben, haben sich ausgezahlt und machten das Auto einfacher zu fahren”, freute sich Lance Stroll. Insbesondere nach den schwierigen Samstagen der letzten Grand-Prix-Wochenenden sei das ein großer Erfolg für das Team, so Fernando Alonso.

Fernando Alonso beim Großbritannien GP
Fernando Alonso hat in Silverstone endlich wieder Grund zu lachen, Foto: LAT Images

Aston Martin ist genauso wie einige andere F1-Teams mit Updates nach Großbritannien gereist. Die Boliden von Stroll und Alonso erhielten einen neuen Frontflügel sowie neue Hinterradteile. “Wir haben sie gestern getestet, den neuen Frontflügel und andere Teile, und es war wie erwartet ein Schritt nach vorne”, zeigt sich Alonso erfreut darüber, dass sich die Upgrades auszubezahlen scheinen. Der Spanier meldete schon am Freitag mehr Stabilität, mehr Grip und betonte das dadurch gewachsene Selbstvertrauen.

Alonso ist sich sicher: “Ich denke, wir haben einige der Probleme verstanden, mit denen wir in Österreich und in Barcelona konfrontiert waren.” Aus diesem Grund habe das Team optimistisch auf das Rennen in der britischen Heimat geblickt und erwartet, einige der Probleme hier lösen zu können. “Ich denke, wir haben bestätigt, dass das Auto in eine bessere Position zurückgekehrt ist als fünft- oder sechstschnellstes Team, das um die letzten Plätze in Q3 kämpft. Hoffentlich werden wir auch morgen mit beiden Autos um die Punkte kämpfen”, fügt der Weltmeister von 2005 und 2006 hinzu.

Auch vom Teamchef Mike Krack gibt es Lob für seine Mannschaft: “Die Fahrer und das Team haben einen guten Job gemacht, um beide Autos in die Top-10 zu bringen. Es war keine einfache Session, denn die Strecke trocknete ab und wurde mit jeder Runde besser. Der AMR24 war hier in Silverstone konkurrenzfähiger und unser Ziel ist es, morgen bei unserem Heimrennen vor unseren Fans in die Punkte zu fahren.”

Nie genug: Alonso und Stroll nach Top-10-Ergebnis frustriert

Dabei waren die beiden Aston-Martin-Fahrer selbst mit ihrer schnellen Runde im letzten Qualifying-Segment gar nicht so zufrieden. “Meine letzte fliegende Runde war ein bisschen chaotisch. Ich denke, das hätten wir etwas besser managen können. Daher ist es ein bisschen frustrierend”, sagt Stroll, der sich schließlich auf Platz 8 qualifizierte.

Alonso muss sich beim Rennen am Sonntag mit Startplatz 10 begnügen. Der Spanier ist überzeugt: Da wäre mehr möglich gewesen. “Unglücklicherweise konnten wir die letzte Runde im Q3 nicht abschließen, da wir auf der Outlap im Verkehr zwischen Carlos Sainz und Oscar Piastri steckten. Wir schafften es, Q2 unter den Top-3 zu beenden und die Pace war wettbewerbsfähig. Deshalb denke ich, dass am Ende ein bisschen mehr für uns drin war als der zehnte Platz. Wir sind also ein bisschen enttäuscht.” Mit der Rundenzeit aus Q2, die zwei Zehntel schneller war, wären sie auf P6, P7 oder P8 gelandet, mutmaßt Alonso.

Während Stroll in den ersten Qualifying-Segmenten immer zwischen Platz 10 und Platz 12 stand und gerade so ins letzte Segment einzog, wo er sich weiter steigern konnte, ging es für Alonso also nach einer starken Q2-Vorstellung am Ende bergab. Auch Krack muss demnach zugeben, dass sie mit beiden Autos nicht das Maximum herausgeholt hatten.

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Aston Martin entkommt den Formel-1-Strafrichtern

Trotzdem darf Aston Martin erleichtert aufatmen über den soliden Grundstein, den sie mit dem Qualifying-Ergebnis für das Rennen gelegt haben. Dabei wäre das kleine Formel-1-Wunder fast noch durch Strafen verdorben worden. Denn sowohl gegen Alonso als auch gegen Stroll lief nach der Session noch eine FIA-Untersuchung. In beiden Fällen geschah der Vorfall während der roten Flagge im Q1, die Sergio Perez durch seinen Abflug ins Kiesbett auslöste. Es handelt sich jedoch um zwei unterschiedliche Vergehen.

Bei Alonso verstieß das Team gegen Artikel 34.4 des sportlichen Reglements: Bevor Q1 neu gestartet wurde, fuhr Alonso aus der Garage und ein Teil des linken Vorderrads befand sich in der Fast Lane. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, dass Teammitglieder einen Wagenheber unter das Heck des Autos stellten und es bewegten. Dies wurde als Arbeit am Auto gewertet.

Trotzdem entschieden sich die Stewards gegen eine Strafe. Die Regeln seien in dieser Hinsicht nicht eindeutig und außerdem würden Autos in der Fast Lane während einer roten Flagge des Öfteren bewegt werden, hieß es. In diesem speziellen Fall verzögerte die Aktion nicht das weitere Qualifying, sie behinderte auch kein anderes Auto und brachte keinen sportlichen Vorteil für Alonso. Mit dieser Begründung verteidigten die Stewards das Vergehen von Aston Martin.

Das Vergehen von Stroll, der die Linie am Boxenausgang trotz roter Ampel überquerte, stellte einen Verstoß gegen Artikel 37.2 des sportlichen Reglements dar. Doch die Stewards berücksichtigten auch bei ihm mildernde Umstände: Erst 0,8 Sekunden vor dem Überqueren der Boxenausfahrt-Linie wurde das rote Licht eingeschaltet. Dem Kanadier stand somit nur eine geringe Reaktionszeit zur Verfügung. Außerdem war die Strecke zu diesem Zeitpunkt bereits unter rote Flagge gesetzt, sodass Stroll keinen Vorteil daraus ziehen konnte, die Runde zu drehen. Es blieb bei einer Verwarnung.

Eine Strafe wäre beim Aston-Martin-Piloten auf Unverständnis gestoßen: “Es wäre enttäuschend, wenn ich für so etwas Dummes eine Strafe bekäme, nur weil man dem Wortlaut des Regelwerks nach bei Rot nicht über die Linie fahren darf.”

Stroll war es wichtig, dass die Umstände der Situation ins Urteil einbezogen werden: “Im Q1 fuhr ich just in dem Moment aus der Boxengasse, als die rote Ampel aufleuchtete. Ich sah es im letzten Moment, hatte aber nicht genug Zeit zum Reagieren. An diesem Punkt hätte ich also auf die Bremse treten, alle Räder blockieren und in die Mauer krachen können oder ganz langsam um den Kurs zurück in die Boxengasse fahren können. Ich hielt es für vernünftiger, ganz langsam zurück in die Boxengasse zu fahren.”

So sahen es am Ende auch die Stewards. Stroll darf dementsprechend seinen Startplatz für das Formel-1-Rennen in Silverstone behalten und Aston Martin darf dank der ansteigenden Formkurve auf WM-Punkte hoffen.