Carlos Sainz war für Ferrari nicht gut genug – oder zumindest schätzt die Scuderia Charles Leclerc und Lewis Hamilton besser ein. So viel ist klar, nachdem die beiden bereits für 2025 verpflichtet wurden und Sainz außen vor blieb. Nach zwei starken Rennen, inklusive eines dominanten Sieges in Australien, taucht jetzt die erste Experten-Kritik auf.

Hat Ferrari etwa den Falschen behalten, ist Sainz eigentlich der bessere Pilot? In zwei von zwei gefahrenen Rennen bezwang Sainz schließlich Leclerc. Ein tieferes Eintauchen in die Daten des seit 2021 in der Formel 1 vereinten Ferrari-Duos kontert die Euphorie.

Hamilton statt Sainz: Hat Ferrari die falschen Fahrer gewählt?: (27:43 Min.)

Qualifying-König Charles Leclerc der schnellere Mann

Nach Pace hat die Saison 2024 schon einmal ausgeglichen begonnen. Leclercs Patzer im Australien-Qualifying ist es, der dafür verantwortlich ist. In Bahrain war er noch schneller gewesen. Der Jahres-Quali-Schnitt ist für beide daher erst einmal der dritte Startplatz. Sainz’ Schnitt nach Zeit ist um 0,075 Sekunden besser.

Keinesfalls ist Sainz also 2024 bisher überdurchschnittlich gut ins Qualifying gestartet. Seine Samstags-Statistiken sind seit 2021 keinesfalls schlecht. Nur eben konstant um einen halben Schritt schlechter als die von Charles Leclerc. 45 zu 24 liegt Leclerc im Head-to-Head in allen vergleichbaren Qualifying- und Sprint-Quali-Sessions aktuell vorne. Ein ordentlicher Puffer. Leclerc fuhr seit 2021 14-mal eine Pole-Zeit. Sainz nur viermal.

Sainz Leclerc
Poles 4 14
Reihe 1 12 27
Top-5 42 46
Außerhalb Top-10 10 6
Ø 5,7 4,5

2021 und 2023 bewies Sainz, dass er in einem Auto, in dem er sich zurechtfindet, mit Leclerc mithalten kann. 0,048 Sekunden im Schnitt lag er 2021, 0,062 Sekunden 2023 hinten. Im von ihm mit seiner nervösen Hinterachse ungeliebten 2022er-Ferrari fehlte ihm aber in der ersten Saisonhälfte das Vertrauen, was in 0,172 Sekunden Rückstand resultierte. Nur fünf Samstags-Siege holte er in jenem Jahr gegen Leclerc.

Leclercs höherer Grundspeed lässt sich nicht abstreiten. Zugleich sei zu Sainz’ Verteidigung gesagt: Wenn Leclerc wie von vielen angenommen der aktuell beste Qualifier im Feld ist, dann ist eine durchschnittliche Lücke von unter einer Zehntel mehr als beachtlich. Im Schnitt steht Sainz praktisch immer genau einen Platz dahinter.

Sainz im Rennen: Der veritable Red-Bull-Bezwinger

Tatsächlich wird es im Rennen noch enger. Natürlich können beide Fahrer seit 2021 jeweils drei Siege vorweisen. Nur kamen die unter völlig anderen Umständen. Sainz gewann ein Rennen – Silverstone 2022 – in welchem Leclerc stärker ausgesehen hatte – indem er einen strategischen Vorteil in den letzten Runden eincashte. Die anderen beiden waren dafür Siege an Wochenenden, an denen die da so dominante Red-Bull-Mannschaft ausließ. Und Sainz gekonnt eine Masse an Verfolgern in Schach hielt.

Leclercs drei Siege kamen in Rennen, in denen der Ferrari das stärkste Auto im Feld war. Zwei Mal musste er dabei Max Verstappen niederkämpfen. Nennenswert sind Leclercs zehn zweite Plätze. Nur einer davon, Australien, war hinter Sainz. In fast allen anderen Fällen war er jener Mann, der hinter einem dominanten, nicht erreichbaren Sieger das Verfolgerfeld anführte.

Sainz Leclerc
Siege 3 3
P2 4 10
P3 11 7
Top-10 56 59
Außerhalb Top-10 4 3
Ø 5,5 4,9
Punkte 650,5 720

Sainz war da weniger auffällig. Wie im Qualifying litt er außerdem 2022 auffällig stärker, sobald das Auto sich von seinem Fahrstil entfernt hatte. 2021 schlug er Leclerc in der WM knapp, 2023 wurde er von ihm knapp geschlagen. 2022 war er – auch nach vielen Fehlern zu Saisonstart – deutlich abgeschlagen auf dem fünften WM-Rang gelandet, als Leclerc Vizemeister wurde.

Leistungs-Trend ist Sainz-Feind: Am Ende ist’s zu oft der andere

Erst einmal aufgeschlüsselt, lassen sich nun auch die Formtrends beide Fahrer genauer beobachten. Hier wird verdeutlicht, warum man Sainz’ Australien-Auftritt erst einmal nicht überbewerten sollte. Denn solche Ausreißer hatte er schon öfter. Vor allem die ersten Rennen nach der Sommerpause 2023, die im Singapur-Sieg gipfelten.

Doch diese Ausreißer, in denen er Leclerc schlagen konnte, waren nie ein Dauerzustand. Nur einmal, in jenem Spätsommer 2023, schaffte er drei Qualifying-Siege in Serie. Auf die folgten gleich acht Niederlagen. Eine Serie, welche er erst mit Australien wieder hatte brechen können.

Auch im Rennen hat Leclerc einzelne Schwächetage, aber in Summe ist er sichtlich konstanter als Sainz. Nimmt man Ferraris Chaossommer von 2022 aus, dann schaffte es Sainz auch in Rennen nie auf Dauer, den letzten Schritt auf das Leclerc-Level zu machen. Spätestens nach zwei Rennen schlägt Leclerc zurück. Umgekehrt kann es gut und gerne auch einmal vier Rennen in Serie geben, in denen Leclerc stärker ist.

Fazit daraus: Erst einmal abwarten, wie Suzuka und Schanghai enden. Bislang hat Sainz 2024 noch nichts gezeigt, was man nicht schon gesehen hätte. Nichts davon wird Ferrari bislang ernste Sorgen machen. Am Ende verbleiben beide Fahrer obendrauf mit dem gleichen Problem: Sie machen noch immer gelegentliche Fehler. Das hält Leclerc gegen Sainz zurück, manchmal. Ein Lewis Hamilton könnte das deutlich härter bestrafen.