Mit dem Vertragsende von Esteban Ocon bei Alpine nach Ablauf der diesjährigen Saison wird ein weiterer begehrter Sitz für die Formel-1-Saison 2025 frei. In einer Phase, in der sich Alpine aus dem Performance-Sumpf herauszukämpfen scheint und wieder Aufwind verspürt, dürfte dieser Platz in der Formel 1 noch einmal deutlich an Attraktivität gewonnen haben. Der französische Rennstall veranstaltet am Mittwoch vor dem Großbritannien GP einen Testtag, den Mick Schumacher, der in der WEC für Alpine an den Start geht, sowie Alpine-Junior Jack Doohan absolvieren werden.

Alpine-Shootout: Schumacher vs. Doohan im Kampf um Formel-1-Zukunft

“Das ist de facto ein Shootout”, meint Formel-1-Experte Christian Danner in der neuesten Ausgabe des ‘AvD Motorsport-Magazins’ nach dem Spanien GP. “Auch wenn das natürlich wieder alle dementieren werden.” Der ehemalige Rennfahrer ist sich sicher, dass der Test nicht nur dazu dient, in Übung zu bleiben, sondern dass die Erkenntnisse aus dem Testtag maßgeblichen Einfluss auf die Fahrerentscheidung für nächstes Jahr nehmen werden. “Derjenige, der da die Nase vorne hat, wird im Rennen um den zweiten Platz neben Pierre Gasly dabei sein. Und deswegen wird das wahnsinnig spannend werden”, so Danner.

Die Rennteams schaffen sich durch solche Testfahrten einen gläsernen Fahrer, wie der ehemalige Formel-1-Fahrer erklärt: “Sie wissen danach ganz genau, was die Fahrer können, wie die Fahrer fahren und wer was wann wie auf der Strecke bewerkstelligt. Egal ob es um das Reifenschonen oder um die Linienwahl oder um den Umgang mit dem Fahrzeug im Grenzbereich geht. Das wird alles sichtbar. Und deswegen wird sich das Team höchstwahrscheinlich für die am besten ausschauende Lösung entscheiden.”

Aber wer wird der Meinung des Experten nach die Nase vorne haben: Schumacher oder Doohan? “Ich drücke dem Mick ganz fest die Daumen. Ich halte es durchaus für möglich, fast sogar wahrscheinlich, dass er dem Jack Doohan da ein bisschen zeigt, wo es lang geht”, lautet Danners Einschätzung. Für Schumacher sei es Danner zufolge enorm wichtig, beim Testtag eine gute Form zu zeigen – nicht nur, um sich als vielversprechender Kandidat für den Platz bei Alpine zu positionieren, sondern auch, um sich eventuell bei anderen Teams wie etwa Williams ins Spiel zu bringen. Denn Danner weiß: “Wenn man Formel 1 fährt und zeigt, dass man das gut und schnell kann, hat man einfach bessere Karten.”

Alpine-Fahrer Pierre Gasly
Sitzt Mick Schumacher nächstes Jahr im Alpine F1-Auto?, Foto: LAT Images

Danner: Carlos Sainz hat die besseren Karten für Alpine-Cockpit

Pierre Gasly sieht Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner fix bei Alpine gesetzt. “Er macht einen sehr, sehr guten Job. Er ist ein Mann, ein Franzose, der auch loyal und solidarisch mit dem Team gekämpft hat. Ich halte es also für sehr wahrscheinlich, dass er bleibt.

Demzufolge bleibt bei Alpine noch ein freier Platz, für den es abgesehen von Schumacher oder Doohan noch hochkarätigere Besetzungen geben würde. Zum Beispiel Carlos Sainz. Auch für den Ferrari-Pilot, der seinen Sitz bei der Scuderia nächstes Jahr an Lewis Hamilton abtreten muss, könnte Alpine eine Alternative sein. “Wenn Carlos Sainz sich entschließen sollte, Alpine wäre vielleicht seine ‘Notlösung’, dann hat der Mick wieder schlechte Karten”, meint Danner. Denn er vermutet, dass für einen Teamchef, der immer das bestmögliche Ergebnis erzielen will, Sainz im Vergleich zu den beiden jungen Piloten die interessantere Option sei.

Das überzeugendste Verkaufsargument von Sainz sieht Danner in dessen Erfahrung: “Der eine [Doohan; Anm. d. Red.] ist noch nichts gefahren. Der andere [Schumacher; Anm. d. Red.] hat einen durchwachsenen Formel-1-Start gehabt. Und ein Sainz ist natürlich ein Mann, der von oben kommt, der alles mitbringt, der das Know-how hat und kämpfen kann. Er hat viele, viele Jahre Erfahrung. Also der hat die besseren Karten.”

“Ich würde nicht sagen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass Mick eine Chance hat, dort zu fahren. Er ist ein sehr guter Mann und er hat durchaus eine Chance verdient”, lautet Danners Fazit zu den Chancen von Mick Schumacher. Für eine endgültige Beurteilung der Fahrerwahl von Alpine würden aber auch dem Experten die Einsichten in die Hintergründe fehlen.

Carlos Sainz’ nächste Station: Alpine, Audi, Williams oder doch Red Bull?

Ausgeschlossen ist der Alpine-Sitz für Schumacher schon aus einem Grund nicht: Obwohl Sainz möglicherweise die erste Wahl bei Alpine ist, ist Alpine nicht unbedingt die erste Wahl des Spaniers. Lange hat Sauber respektive Audi mit einer Verpflichtung von Carlos Sainz ab 2025 neben Nico Hülkenberg geliebäugelt. In jüngster Vergangenheit hat Teamchef James Vowles dann eine Besetzung des Williams-Cockpits mit Carlos Sainz offensiv ins Gespräch gebracht.

Sollte sich Sainz für Williams oder Alpine anstatt für das – wie man hört zahlungskräftige – zukünftige Audi-Werksteam entscheiden, würde dies den deutschen Automobilhersteller schwer treffen, wie Danner betont: “Ich meine, das würde ja heißen, dass er dem Team bis jetzt überhaupt nichts zutraut. Das wäre schon der erste Schlag ins Gesicht. Der zweite Schlag gilt der Zukunft mit Audi. Offensichtlich möchte er noch weiter taktieren und sieht in der Audi-Lösung nicht das absolut Gelbe vom Ei, sonst hätte er ja dort schon unterschreiben können. Also da gibt es mit Sicherheit ein wenig Skepsis gegenüber dem Team respektive dem Motorenhersteller Audi.”

Danner fällt es schwer zu beurteilen, was Sainz in seinem zögerlichen Verhalten gegenüber Sauber/Audi beeinflusst – ob er durch seinen Vater Carlos Sainz senior, der bei der Rallye Dakar für Audi gefahren ist, Inside-Informationen über den Fortschritt des Projekts in Neuburg an der Donau erhält oder ob er durch Eindrücke vom Team aus dem Formel-1-Paddock gelenkt wird. Für den Experten zeigt es aber deutlich: “Die Skepsis dem Projekt gegenüber ist im Fahrerlager nach wie vor sehr groß.”

Sieger Carlos Sainz Jr. (Ferrari) auf dem Podium
Alpine, Audi, Williams – alle wollen Ferrari-Pilot Carlos Sainz haben, Foto: LAT Images

Sainz in Verbindung mit Alpine, Sauber, Williams – da könnte schnell der Eindruck entstehen, der Spanier sei der Verlierer der Silly Season. Danner wendet jedoch ein, dass auch darum gehe, welche Ansprüche Sainz selbst stellt: “Ich bin mir sicher, wenn er einen Einjahresvertrag bei Mercedes unterschrieben hätte, könnte er da fahren. Aber will ich in meiner Position als Carlos Sainz einen Einjahresvertrag unterschreiben? Wo führt es danach hin? Was gibt es denn im darauffolgenden Jahr zu fahren? Schwieriger Fall.”

Auch die Rolle von Red Bull Junior Team und Max Verstappen sei auf dem F1-Fahrermarkt nicht zu vernachlässigen: “Ich glaube, der ganze Fahrermarkt ist deswegen so unvorhersehbar, weil Verstappen eben auch noch im Spiel ist. So sicher ist das nicht, dass der bei Red Bull bleiben wird. Auch der ist ein Kandidat für Mercedes. Gibt es dann den Red Bull [für Sainz; Anm. d. Red.]?” Der Experte Christian Danner erwartet daher noch viel Dynamik bei den bevorstehenden Fahrertransfers.

“Da ist alles noch sehr undurchsichtig. Deshalb, ja, auf den ersten Blick ist Sainz der Verlierer. Aber vielleicht hat er ein bisschen Glück und es eröffnet sich eine Chance, die er sonst eben nicht wahrnehmen könnte. Das müssen wir abwarten”, zieht der F1-Experte Resümee.

Das Comeback von Mick Schumacher steht noch aus. Dafür ist ein anderer alter Bekannter offiziell in den Kreis der Formel 1 zurückgekehrt: Flavio Briatore. Was unser Experte Christian Danner über dieses Comeback denkt, erfahrt ihr ebenfalls im neuen Video:

Mick Schumacher, Gasly oder Sainz: Wer fährt 2025 für Alpine? (26:44 Min.)