Bereits am Trainingstag in Silverstone bahnte sich an, was sich für die Scuderia Ferrari am Samstag im Qualifying bewahrheiten sollte: Charles Leclerc und Carlos Sainz haben einen enormen Rückstand auf ihre direkten Konkurrenten Mercedes, McLaren und Red Bull, die in einer völlig anderen Liga fahren. Leclerc schied mit einer Zeit von 1:27:097 bereits im zweiten Qualifikationsabschnitt aus und wird den Großen Preis von Großbritannien von elfter Position aus starten. Sainz kämpfte sich weiter durch, doch auch seine Bestzeit von 1:26:509 reichte nur für den siebten Platz.

In Q1 sah es für beide noch vielversprechender aus: Der Monegasse erreichte P3 und der Spanier P4. Nur die beiden Mercedes waren vor ihnen. Danach veränderten sich allerdings die Bedingungen, was für die Ferrari-Piloten zum Problem wurde, wie Sainz erklärt: “Ich dachte, dass wir auf dem Weg zu einem guten Ergebnis sind. Aber als die Strecke abtrocknete, verloren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit.”

Ferrari in der Update-Falle?

Doch allein an den sich verändernden Wetter- und Streckenbedingungen lässt sich Leclercs frühes Ausscheiden wohl nicht festmachen. Am Donnerstag beharrte der monegassische Formel-1-Fahrer zwar noch darauf, dass die Updates nicht gescheitert wären, sondern sie diese lediglich ins richtige Arbeitsfenster bekommen müssten. Trotzdem entschied sich der italienische Rennstall am Samstag dazu, auf die alte Ferrari-Spezifikation, die sie vor dem umfangreichen Barcelona-Update gefahren sind, zurückzugehen.

In den Trainingssitzungen am Freitag waren Sainz und Leclerc noch mit unterschiedlichen Spezifikationen unterwegs: Leclerc mit der neuesten und Sainz mit dem Vorgänger-Ferrari. “Gestern haben wir durch die unterschiedliche Konfiguration der Autos eine Menge für die Zukunft verstanden. Wenngleich das bedeutet, dass wir vielleicht nicht das ganze Wochenende optimieren, da wir darauf fokussiert sind, etwas über die Performance zu lernen. Ich denke, dass uns das, was wir gestern gemacht haben, langfristig helfen wird”, verteidigt Leclerc nach der Qualifikation die Splitting-Strategie von Ferrari am Trainingstag.

Für den Monaco-Sieger bedeutete das Anbringen der alten Spezifikation am Samstag allerdings, dass er im Qualifying zum ersten Mal wieder die alte Konfiguration im Trockenen gefahren ist, weil es im 3. Freien Training am Vormittag regnete. Er habe deshalb das Gefühl, dass er heute den Preis für diese Team-Entscheidung gezahlt habe. Trotzdem richtet er den Blick nach vorne: “Wenn wir von einer Zehntelsekunde sprechen, die für Q3 fehlte, geht es um die kleinen Details. Im Moment kämpfen wir einfach mit der Situation, in der wir sind und wir hoffen, so bald wie möglich zurückzukommen.”

Der Grund, weshalb sich Ferrari am Samstag dazu entschied, beide Fahrzeuge auf die Imola-Spezifikation zurückzubauen, liegt auf der Hand: Das große Update-Paket für Barcelona brachte dem SF-24 das Bouncing zurück. “Wir haben uns entschieden, für heute auf die alte Spezifikation umzusteigen, da es mit der neuen mehr Bouncing gab. Bei den Hochgeschwindigkeitskurven, die wir in Silverstone haben, war der Vorteil, die neuen Teile einzubauen, nicht positiv genug”, erläutert Ferrari-Teamchef Fred Vasseur.

Leclerc erklärt Qualifying-Debakel: Kampf mit Grip und Balance

Nichtsdestotrotz wurde Leclerc im Q2 vor einige Herausforderungen gestellt: “Der linke Vorderreifen war nicht im Fenster. Ich hatte einfach sehr wenig Grip und kämpfte mächtig mit der Balance im High-Speed-Bereich und brachte das Auto nicht um die Kurven. Das ist es, wo die Rundenzeit verloren ging”, klagt er.

Ferrari-Fahrer Charles Leclerc im interview
Dem Ferrari-Pilot stellten sich beim Qualifying zum Großbritannien GP einige Probleme in den Weg, Foto: LAT Images

Schon nach seinem ersten Q2-Run meldete Leclerc seiner Boxencrew, dass sich die Reifen nicht gut anfühlen würden und insbesondere die Vorderreifen keinen Grip hätten. Der zweite Versuch brachte ihm nur eine minimale Verbesserung – nicht gut genug, um sich weiter vorne zu qualifizieren.

Bei einem genaueren Blick auf die Q2-Zeiten von Sainz und Leclerc entpuppt sich der Bereich der Kurven 10-14, die Maggotts-Becketts-Chapel-Kombination am Ende des zweiten Sektors, als Problemstelle von Leclerc. Denn sowohl bei seiner ersten als auch bei seiner zweiten gezeiteten Runde verliert er dort am deutlichsten gegenüber seinem Teamkollegen. In der Folge erwischt er zudem einen schlechten Ausgang der S-Kurven und von dort aus wird auch seine Pace auf der Hangar Straight kompromittiert.

Herausforderung Highspeed: Silverstone zeigt Ferrari-Schwächen auf

“Wir sind im Moment einfach wirklich langsam und wir haben viele Unbeständigkeiten im Auto”, resümiert Leclerc das Problem der Scuderia. Sainz hingegen scheint sich im nervösen Ferrari ein klein wenig wohler zu fühlen, wenngleich der Spanier zugibt: “Ich bin stolz und glücklich über Q1 und Q2. Aber Q3 zeigte, dass uns immer noch etwas fehlt.” Insbesondere der Silverstone Circuit – der König des Highspeeds – offenbare das größte Manko des SF-24, das sich schon zuletzt in Spielberg und Barcelona andeutete, meint Sainz.

Das Ergebnis in Q3 hätten sie allerdings nicht maximiert, so Sainz. Insbesondere angesichts der Aufwärmrunde für seinen letzten Schuss, auf der er mit Fernando Alonso und Oscar Piastri darum kämpfte, rechtzeitig vor der Zielflagge über die Linie zu kommen und dementsprechend die Reifen nicht ordentlich vorbereitete. Dementsprechend fuhr der Spanier seine Bestzeit bei seinem ersten Versuch und konnte sich auf seinem zweiten Versuch nicht mehr verbessern.

Übereinstimmend bekennen Leclerc und Sainz, dass das Silverstone-Wochenende ein Fingerzeig auf die Arbeit sei, die Ferrari für die nächsten Rennen zu erledigen habe. “Mercedes ist vorne, McLaren ist vorne, Red Bull ist vorne und wir sind diejenigen, die sich schwertun. Seit zu vielen Rennen müssen wir uns aufraffen und versuchen, die Balance und die Leistung des Autos zu finden, die wir im Moment noch nicht haben”, so Leclerc. Er fordert: “Wir sollten nicht zu panisch werden. Aber diese schwierige Zeit dauert jetzt länger an als letztes Jahr. Wir müssen jetzt wirklich reagieren.”

Für das Formel-1-Rennen setzt der Monegasse seine Hoffnung in den britischen Wettergott: “Das schlimmste wäre ein normales Rennen, in dem alle auf derselben Strategie fahren. Ich freue mich, wenn es Regen gibt.”