Inmitten der Europa-Saison kehrt die Formel 1 im Juni wie gewohnt für ein kurzes Intermezzo auf den amerikanischen Kontinent zurück. In Montreal steht der Große Preis von Kanada 2024 an. Nachdem es in den letzten drei Rennen drei verschiedene Sieger gab, könnte die Formel-1-Saison 2024 doch enger werden als anfangs angenommen. Über dem Rennwochenende in Kanada schwebt daher die brennende Frage: Erobert Max Verstappen seinen Platz an der Spitze zurück und findet Red Bull wieder zur Dominanz?

1. Brennpunkt Titelkampf: Welcher Verfolger wird Max Verstappen am gefährlichsten?

Nach den ersten fünf Saisonläufen, von denen Max Verstappen vier Rennen gewann, sah alles danach aus, als würden Verstappen und Red Bull auch 2024 den Weltmeistertitel sicher eintüten. Doch seit Miami hat sich das Blatt gewendet. Mit den Updates scheint McLaren ein ebenso starkes Auto, wenn nicht sogar das stärkste Gesamtpaket, zu haben. In Monaco schlug dann die Stunde von Charles Leclerc im Ferrari. Der momentane WM-Zweite konnte mit seinem Sieg den Rückstand auf Verstappen von 48 auf 31 Punkte verkürzen.

Charles Leclerc (Ferrari) führt nach dem Restart vor Oscar Piastri (McLaren), Carlos Sainz (Ferrari), Lando Norris (McLaren)
Wird die Luft für Red Bull dünner? In Monaco machten Ferrari und McLaren die Top-4-Platzierungen unter sich aus, Foto: LAT Images

Was für Red Bull spricht: Die Siege, die sie in dieser Saison nicht auf ihrer Seite haben, waren in Melbourne, Miami und Monaco – alles Straßenkurse, also keine permanenten Rennstrecken. Nach Kanada stehen mit einer Reihe von europäischen Klassikern aber wieder echte Traditionsstrecken vor der Tür. Sie werden das wahre Kräfteverhältnis der drei Top-Teams demonstrieren und könnten sich möglicherweise erneut als Red-Bull-Land entpuppen.

In Montreal könnte der Vorsprung des amtierenden Weltmeisters aber zunächst einmal weiter schrumpfen. Ferrari wird auf dem Circuit Gilles-Villeneuve als mindestens ebenbürtiger Konkurrent gehandelt. “Ferrari war in Montreal immer schnell und Ferrari ist konstant. Sie sind jetzt bereits sehr nahe an uns dran”, witterte Red-Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko kürzlich Gefahr durch die Roten. Ebenso könnten Lando Norris und Oscar Piastri wieder vorne mitmischen.

Noch enger als in der Fahrerwertung geht es in der Konstrukteurswertung zu. Nur 24 Punkte liegen zwischen Red Bull und Ferrari. Die Performance-Tendenz von Sergio Perez ist im Vergleich zum Saisonstart derzeit rückläufig. Falls Perez in Kanada nicht wieder zurück in die Spur findet und auch Verstappen wieder mit Defiziten am Auto zu kämpfen hat, besteht die kleine Chance, dass Ferrari als führendes Team in der WM-Wertung nach Europa zurückkehrt.

An der Spitze erwartet uns in Montreal also eine sportlich aufregende Geschichte mit offenem Ausgang. Ein klarer Favorit für das oberste Siegertreppchen lässt sich im Vorfeld nicht ausmachen. Aber nach den Erkenntnissen der vergangenen Rennwochenenden sind die Red-Bull-Piloten nicht mehr die alleinigen Sieganwärter, denn McLaren und Ferrari haben mit großen Schritten aufgeholt.

Der Unfall, in den Sergio Perez in der Startrunde beim Monaco GP verwickelt war, könnte Red Bull noch teuer zu stehen kommen. Welche Auswirkungen hat der kostspielige Schaden auf den WM-Kampf 2024? Im Interview mit Motorsport-Magazin.com schätzt Dr. Helmut Marko die Situation des Rennstalls ein:

Bekommt Red Bull Geldprobleme im F1 WM-Kampf? 3 Mio. fehlen! (06:48 Min.)

2. Brennpunkt Strecke: Werden Max Verstappen die Kerbs zum Verhängnis?

Was Red Bull ebenfalls zu schaffen machen könnte, ist die Strecke. Der 4,36 Kilometer lange, semi-permanente Kurs liegt auf der Île Notre-Dame, einer künstlichen Insel im Sankt-Lorenz-Strom. Er weist eine der niedrigsten Durchschnittgeschwindigkeiten auf, ist bekannt für Vollgaspassagen, mittelschnelle Schikanen wie auch starke Bremszonen und verlangt den Fahrern genauso wie den Fahrzeugen daher einiges ab.

Schon kleine Fehler auf der Strecke werden bestraft. Die Mauern führen größtenteils dicht an der Rennstrecke entlang, sodass ein Ausritt schwerwiegende Folgen haben kann. Nicht zu vergessen ist dabei natürlich die berühmte “Wall of Champions” am Ausgang der letzten Schikane, in die schon große Namen wie Jaques Villeneuve, Michael Schumacher und Damon Hill 1999 einschlugen.

Der Schlüssel zum Erfolg? Einerseits eine Abstimmung, die hohe Endgeschwindigkeiten ermöglicht, andererseits eine gute Balance, Traktion und Bremsstabilität für die langsamen Streckenabschnitte. Die sechs Linkskurven und acht Rechtskurven erfordern obendrein ein Rennauto, das schnell die Richtung wechseln kann. Für die perfekte Qualifying-Runde müssen außerdem die aggressiven Randsteine bestmöglich genutzt werden – ein Umstand, der verantwortlich dafür sein könnte, dass Verstappen in Kanada nicht das stärkste Wochenende von Red Bull erwartet.

Red Bull im Qualifying zum Großen Preis von Kanada 2023.
Die Streckenunebenheiten und Kerbs in Kanada schmecken dem RB20 gar nicht, Foto: LAT Images

Nach der unbefriedigenden Leistung in Monaco machte Christian Horner, Teamchef von Red Bull, nämlich die Unebenheiten der Strecke und Kerbs als Hauptproblem für den RB20 aus. Ebenjene beiden Faktoren werden auch in Kanada wieder ein Thema sein.

Oder etwa nicht? Die Unebenheiten des Circuit Gilles-Villeneuve könnten der Vergangenheit angehören. Pirelli verkündete vor dem Grand Prix nämlich: “Die gesamte Strecke wurde für dieses Jahr neu asphaltiert und die Randsteine wurden ausgetauscht. Theoretisch sollten die bestehenden Streckencharakteristika, also der geringe Reifenverschleiß und somit reduzierter Grip, unverändert bleiben.”

Ob sich die grundlegenden Eigenschaften des Streckenbelags durch die Neuasphaltierung tatsächlich nicht verändert haben, wird sich erst am Freitag zeigen, wenn die Formel-1-Autos auf die Strecke gehen.

3. Brennpunkt Alpine: Wird das Team durch interne Kämpfe zerstört?

Eine andere Frage, die das Wochenende in Montreal begleiten wird, dreht sich wieder einmal um den Fahrermarkt. Wo wird es für Esteban Ocon, dessen Aus bei Alpine seit gestern besiegelt ist, 2025 hingehen und wer wird sein Nachfolger bei Alpine?

Ob der Entschluss von Fahrer und Team, getrennte Wege zu gehen, unmittelbar in Verbindung zum Vorfall in der Startrunde des Monaco GP steht, ist fraglich. Zwar drohte Teamchef Bruno Famin Konsequenzen an, doch Ocons Zukunft beim französischen Rennstall wurde schon seit einiger Zeit diskutiert – spätestens seit er sich selbst zu Saisonbeginn des Öfteren für den freien Mercedes-Sitz in Stellung brachte.

Zwischen den Alpine-Kollegen kracht es heftig – das stellten sie auf der Strecke in Monte-Carlo unter Beweis. Seht in diesem Video, welche harte Meinung unser F1-Experte Christian Danner zu Esteban Ocons Verhalten hat:

Fliegt Ocon raus? Danner: Alpine sollte ihn ein Rennen sperren! (29:43 Min.)

Darüber hinaus bleibt nach der Kollision mit seinem Teamkollegen Pierre Gasly, für die Ocon schuldig gesprochen wurde, die Frage offen, wie gut die weitere Zusammenarbeit innerhalb des Teams funktionieren wird. Das ohnehin schon unterkühlte Verhältnis der beiden Kollegen dürfte durch den Vorfall noch eisiger geworden sein.

Damit bleibt Alpine – obwohl es performancemäßig zuletzt bergauf ging und Gasly in Monaco den zweiten Punkt für das Team holen konnte – nach wie vor ein Sorgenkind. Aufgrund häufig wechselnder Personalien, eines katastrophalen Saisonstarts sowie einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Fahrerpaarung haftet dem Rennstall in den letzten Monaten vehement ein Chaos-Image an. In welche Richtung wird es für das Team jetzt gehen? Können sich Ocon und Gasly in ihren noch verbleibenden gemeinsamen Rennen zusammenraufen?

4. Brennpunkt Hinterfeld: Wer greift nach den ersehnten Punkten?

Wichtig wäre das allein schon deshalb, weil sie am Ende des Feldes einen engen Kampf führen, in dem jedes Pünktchen zählt. Mit von der Partie sind Haas, Williams und Sauber.

Weil in Monaco auch Williams die ersten Punkte in der F1-Saison 2024 einfuhr, sind die Schweizer das einzige Team, das in der Tabelle ohne Zähler dasteht. In Kanada wollen sie nun endlich punkten. Denn dort seien die Bedingungen ganz andere, so Guanyu Zhou nach einer desolaten Darbietung in Monaco. “Das Feld ist eng und die Konkurrenz ist stark, aber wir sind bereit für die Herausforderung”, kündigte Saubers Team-Repräsentant Alessandro Alunni Bravi an.

Doch auch die anderen Hinterbänkler-Teams werden das Maximum herausholen wollen und jede sich bietende Chance nutzen. Die Strecke in Kanada, die anders als Imola oder Monaco Überholmanöver und spannendes Racing zulässt, bietet für die schwächeren Autos gute Gelegenheiten.

5. Brennpunkt Wetter: Auf Regen folgt Sonnenschein?

Die kanadischen Wetterkapriolen haben der Formel 1 schon öfter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unvergessen ist wohl das Regenrennen von 2011, bei dem gleich mehrere Rekorde aufgestellt wurden: Der Grand Prix war nicht nur das längste Rennen in der Formel-1-Geschichte, sondern auch das langsamste. Das Safety-Car wurde fünf Mal ausgerufen und war 30 Runden lang im Einsatz.

Das Safety Car ist auf dem Circuit Gilles-Villeneuve ein häufiger Gast - unvergessen die Rekordfahrt beim Kanada GP 2011, Foto: Pirelli
Das Safety Car ist auf dem Circuit Gilles-Villeneuve ein häufiger Gast – unvergessen die Rekordfahrt beim Kanada GP 2011, Foto: Pirelli

Könnte in diesem Jahr eine Wiederholung folgen? Immerhin ist bisher für alle drei Tage ein Risiko für leichte Regenschauer gegeben, wobei die Regenwahrscheinlichkeit für den Rennsonntag am geringsten ist. Das Wetter in Montreal ist im Juni zudem stets sehr wechselhaft. Regen, Wind und Sonnenschein wechseln sich ab und auch die Temperaturen können innerhalb eines Tages stark schwanken. Im vergangenen Jahr waren beispielsweise der Freitag und Sonntag trocken, aber dafür der Qualifying-Samstag sehr verregnet.

Was die Vorbereitung von Strategie und Fahrzeug-Setup angeht, ist das unbeständige Wetter in Kanada für die Teams eine besondere Herausforderung. Ein unverhoffter Regenschauer könnte das Feld durcheinanderwirbeln oder zumindest für die ein oder andere überraschende Platzierung sorgen.

6. Brennpunkt Strategie: Ein Stopp? Zwei Stopps?

Apropos Strategie: Die Reifenstrategien könnten ebenso ein Mix wie das Wetter sein. Pirelli lässt wieder mit den drei weichsten Reifenmischungen fahren. Das bedeutet: C3 als Hard, C4 als Medium, C5 als Soft. Dieses Trio kam ebenso beim Kanada GP 2023 zum Einsatz und sorgte für unterschiedliche Strategieoptionen. Die meisten starteten auf den gelben Reifen, ein paar auf weißen Reifen. Nur der Soft-Reifen wurde so gut wie gar nicht genutzt.

Im Rennverlauf konnten letztes Jahr sowohl Ein-Stopper als auch Zwei-Stopper beobachtet werden. So kamen die ersten Drei zweimal zum Reifenwechsel, während dahinter einige ihr Glück versuchten, indem sie den ersten Stint in die Länge zogen. Das verspricht auf jeden Fall mehr Abwechslung und spannendere taktische Varianten als beim vergangenen Monaco GP, bei dem alle während der Rotphase nach Runde 1 den verpflichtenden Reifenwechsel vollzogen und somit lediglich noch sieben reguläre Boxenstopps im späteren Rennen stattfanden (die schnellsten Boxenstopps aus Monaco in der Übersicht).

Zudem sind auch Safety-Car-Phasen in Montreal sehr wahrscheinlich. In vier der letzten fünf Kanada-Rennen wurde Bernd Mayländer auf die Strecke gerufen. Nur wenige andere Strecken im Formel-1-Rennkalender haben eine höhere Safety-Car-Wahrscheinlichkeit. Auch das müssen die Teams bei strategischen Entscheidungen berücksichtigen.

Red Bulls Krise, das Kräfteverhältnis im vorderen und hinteren Feld, Streckeneigenschaften, Wetter, Reifen, Safety Car – es gibt jede Menge Unbekannten, die wir über das Wochenende hinweg im Auge behalten sollten. Abwechslung ist beim Kanada GP 2024 nahezu garantiert.