Oscar Piastri sorgt in der Formel-1-Sommerpause 2022 für die größte Vertragsposse seit Jahren. Der Alpine-Junior wurde ohne sein Einverständnis von seinem Team für 2023 ins Einsatzcockpit neben Esteban Ocon befördert und ließ daher kurz nach der Verkündung per Tweet wissen, dass er 2023 nicht für Alpine fahren würde.

Nun gibt es Streit. Erst recht, da Piastri wohl sehr wohl eine Vereinbarung über ein F1-Cockpit hält. Nur eben soll es nicht Alpine sein. In der Geschichte der Formel 1 bei weitem nicht das erste Mal. Schon oft genug gab es Fahrer mit mehreren Verträgen, oder Cockpits mit mehreren Fahrern. Motorsport-Magazin blickt zurück auf drei berühmte Vertragspossen.

Sauber 2016: Zu viele Fahrer für zwei Cockpits

Die berühmteste Vertrags-Kontroverse der jüngeren Vergangenheit geht auf Sauber zurück. Der Schweizer Rennstall, damals unter der Führung von Monisha Kaltenborn, verkündete am 5. November 2014 Felipe Nasr und Marcus Ericsson als Fahrerduo für die Saison 2015. Sehr zur Überraschung von Adrian Sutil und Giedo van der Garde, die sich beide zu dem Zeitpunkt bereits im Besitz eines 2015er-Vertrages wähnten.

Nasr und Ericsson brachten Sauber und Kaltenborn damals Millionen an Sponsorengeld, welches das angeschlagene Team dringend brauchte. Vielleicht hatte man sich erhofft, die bestehenden Verträge auszuzahlen. Wie dem auch sei, man hinterließ zwei unglückliche Fahrer. Die zu Jahresbeginn 2015 beide vor Gericht zogen.

Van der Garde sorgte vor dem Saisonauftakt damit für ein wahres Spektakel, als er in Australien seinen Sitz einklagte. Und Recht bekam. Sauber stand plötzlich in Melbourne am Trainings-Freitag mit drei Fahrern da. Van der Garde lieferte einen spektakulären Auftritt im Paddock ab, in Ericssons Rennanzug, und eine Sitzanpassung erhielt. In FP1 fuhr kein Sauber, in FP2 fuhren Ericsson und Nasr. Van der Garde drohte mit Zwangsvollstreckung und Einzug, sollte er nicht fahren dürfen.

Giedo van der Garde in Melbourne im Sauber-Rennanzug, Foto: Sutton
Giedo van der Garde in Melbourne im Sauber-Rennanzug, Foto: Sutton

Am Samstag, quasi um fünf nach zwölf, zeichnete sich erst eine außergerichtliche Einigung ab. Van der Garde wurde ausbezahlt und verzichtete auf seinen Sitz. Sutils Rechtsstreit mit Sauber dauerte währenddessen weit in 2016 hinein. Anders als van der Garde hatte er ausstehendes Gehalt eingeklagt. Das Chaos hinterließ eine angeschlagene Teamchefin Monisha Kaltenborn zurück, unter der das Team einen starken Abschwung hingelegt hatte. 2017 verabschiedete sie sich aus der Formel 1.

Jenson Button zweigeteilt: Williams vs. BAR-Honda 2004

Der Fall Sauber ist das Gegenteil vom Fall Piastri. Aber auch dass sich mehrere Teams um einen Fahrer streiten ist nichts Neues. Berühmtes Beispiel dafür ist die Saga zwischen BMW-Williams und BAR-Honda aus dem Jahr 2004. Objekt der Begierde war der zukünftige Weltmeister Jenson Button.

Zwischen Button und BAR gab es eine Option für 2005. Die war bis zum 31. Juli zu ziehen, und BAR war der Meinung, sie gezogen zu haben. Zur großen Überraschung aller verkündete Williams fünf Tage später Buttons Verpflichtung für 2005. Angeblich war Buttons Management zu ihnen gekommen und hatte durchblicken lassen, dass die Option nicht gezogen worden wäre.

Jenson Button feierte 2004 mit BAR-Honda eigentlich Erfolge, Foto: Sutton
Jenson Button feierte 2004 mit BAR-Honda eigentlich Erfolge, Foto: Sutton

Die Streitfrage dahinter war wohl der Werksdeal von BAR mit Honda. Ein Streit um legale Spitzfindigkeiten. Darum, wie genau der Deal bezeichnet und bestätigt worden war. Zufällig war der heutige Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer mit dabei, damals in der Führungsspitze von Honda: “Als wir gefragt haben, ob unsere Antworten dem entsprachen, was er sich erwartet hat, haben sie mit ‘ja’ geantwortet.”

Der Streit ging vor das “Contract Recognition Board” der FIA. Einem Rechtskörper, der eigens zur Überwachung von F1-Verträgen geschaffen wurde. Die Argumentationen von Buttons Management und Williams wurden abgewiesen, BARs Vertrag für 2005 wurde für gültig erklärt. Button trennte sich daraufhin von seinem Management und gestand, dass der Versuch wohl fehlgeleitet gewesen war.

Bizarres Nachspiel: Für 2006 unterschrieb Button dann völlig rechtens einen Williams-Vertrag. Nur verlor Williams BMW als Werksmotorenpartner. Nun wollte Button nicht mehr, und musste sich für Millionen freikaufen. Rückblickend aber sinnvoll investiertes Geld: Er blieb bei BAR, beziehungsweise deren Nachfolgeteams Honda und Brawn. Mit letzterem gewann er 2009 die WM.

Jahrhunderttalent Schumacher sorgt für Formel-1-Chaos

Im Fall Button war der Fahrer bereits eine bekannte Größe. Dass sich Teams über ein unerprobtes Nachwuchstalent wie Piastri streiten ist aber auch bekannt. 1991 wurde der Streit um die Rechte an Michael Schumacher nach dessen ersten Formel-1-Rennen zu einem der berühmtesten Vertragsdispute der Geschichte.

Schumacher war beim Belgien-GP erstmals in einem F1-Auto gesessen. Als Mercedes-Junior hatten ihn seine Förderer für viel Geld für ein Rennen bei Jordan platziert, nachdem dort kurzfristig ein Platz frei geworden war. Schumacher fuhr einen Test, ein Qualifying, holte den siebten Startplatz. Sein Rennen war nach wenigen Metern vorbei, aber plötzlich war er die heißeste Aktie auf dem Fahrermarkt.

Jordan-Teamchef Eddie Jordan wähnte sich in Sicherheit. Er hatte eine Absichtserklärung von Schumacher, weitermachen zu wollen. Doch das Unheil nahm seinen Lauf. Die Schumacher-Fraktion bekam Wind davon, dass Jordan 1992 von den Ford- auf die unterlegenen Yamaha-Motoren wechseln würde. Ein Deal, der damals noch nicht öffentlich war. Mit diesem Wissen wollte man lieber woanders hin.

Benetton-Teamchef Flavio Briatore war nur gerne bereit dafür, die Tür sofort für Schumacher zu öffnen. Vor dem nächsten 1991-Rennen in Italien brach daraufhin hinter den Kulissen Chaos aus. Briatore und Benetton verpflichteten Schumacher. Jordan berief sich auf die Absichtserklärung, zog in Großbritannien vor Gericht und scheiterte – Schumacher war Benetton-Pilot. Briatore und Benetton warfen zugleich ihren bisherigen Stammfahrer Roberto Moreno über Nacht raus. Moreno legte Klage in Italien ein und gewann – er musste in Italien fahren. Egal für welches Team, er musste fahren.

Schließlich wurde am Donnerstag in der Nacht vor Italien zwischen Benetton und Jordan vermittelt. Der damalige F1-Boss Bernie Ecclestone half nach. Mit beteiligt im Chaos war auch noch F1-Rookie Alex Zanardi, den Jordan nach dem Schumacher-Verlust ins Cockpit hatte setzen wollen. Doch Benetton warnte Jordan, man habe eine Option auf Zanardi, und drohte mit rechtlichen Schritten, woraufhin Jordan Abstand davon nahm und sich stattdessen einigte, Moreno von Benetton zu übernehmen. Benetton hatte die Verpflichtung erfüllt, Moreno in Italien fahren zu lassen, und konnte Schumacher ins Auto setzen.

Bernie Ecclestone mit Michael Schumacher 1991 in Spa, Foto: Sutton
Bernie Ecclestone mit Michael Schumacher 1991 in Spa, Foto: Sutton

Erst später überblickte Jordan die Lage. Die Zanardi-Option gab es nicht. Ein Trick, um Jordan dazu zu bringen, Moreno ins Auto zu setzen und das italienische Gerichtsurteil zu erfüllen. So bekamen alle anderen, was sie wollten. Schumacher bekam Benetton, und Benetton Schumacher. Und Ecclestone hatte endlich eine Hoffnung für den bis dahin dürren deutschen Markt in einem Top-Team – Benetton war siegfähig, Jordan nicht.