Fernando Alonso schockte am Montag nach dem Ungarn-GP aus dem Nichts die Formel 1. Nach zwei Jahren Alpine wird der zweifache Weltmeister 2023 zu Aston Martin wechseln, um dort neben Lance Stroll die Nachfolge von Sebastian Vettel anzutreten.

Alonso machte seit seinem Comeback im Vorjahr nie einen Hehl daraus, dass er weiter von Siegen träumt. Nur gibt ihm Aston Martin hier wirklich bessere Chancen als Alpine? Die Motorsport-Magazin-Redakteure Florian Becker und Markus Steinrisser debattieren Pro und Contra.

Pro: In der Liebe und in der Formel 1 ist alles erlaubt

Die Gründe für Fernando Alonsos überraschende Entscheidung nachzuvollziehen, fällt auf den ersten Blick schwer. Bei Alpine scheinen die Erfolgsaussichten für eine Fortsetzung seiner langen Laufbahn derzeit deutlich vielversprechender. Es ist davon auszugehen, dass Geld beim Deal mit Aston Martin eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hat. Zugleich ist es schwer vorstellbar, dass dieser Umstand allein Fernando Alonsos Antrieb ist.

Der zweimalige Weltmeister macht auch mit 41 Jahren nicht den Eindruck, einzig dem Ruf des Geldes zu folgen. Alonso tritt weder auf noch neben der Rennstrecke wie ein ausgebrannter Superstar auf, der nur auf die alten Tage mit seinem Namen noch einmal Kasse machen will. Es wäre sehr ungewöhnlich – nein, fast schon enttäuschend, wenn der ewige Kämpfer bei diesem Wechsel keinerlei sportliche Ambitionen verfolgt.

Fernando Alonso fühlt sich 2022 noch jung, Foto: LAT Images
Fernando Alonso fühlt sich 2022 noch jung, Foto: LAT Images

Aston Martin macht als Neunter der Weltmeisterschaft momentan keine gute Figur. Es ist aber nicht allzu lange her, dass diese Truppe kleine Wunder vollbrachte. Als Racing Point beziehungsweise Force India galt sie über Jahre hinweg als König der Underdogs. Nach der Übernahme durch Lawrence Stroll war das Team mit dem ‘pinken Mercedes’ in der Saison 2020 praktisch noch dritte Kraft. Umfangreiche personelle Veränderungen haben es mittlerweile zu einer Wundertüte gemacht, doch der Abstieg fand offenkundig auch auf der Rennstrecke statt.

Lance Stroll war nie ein Maßstab und Sebastian Vettel befand sich schon bei Ferrari in einer tiefen Krise, lange bevor er bei Aston Martin die Nachfolge von Sergio Perez antrat. In anderthalb Jahren mit den Grünen gelangte er schlussendlich nur zur Erkenntnis, dass seine Zeit in der Formel 1 vorbei ist. Die Fahrerpaarung Vettel und Stroll war nie ein Erfolgsrezept. Alonsos Flamme hingegen lodert mehr als genug, um dem Team als neuer Anführer zu dienen.

Von der anderen Seite betrachtet ist die sportliche Perspektive für Alonso keineswegs schlechter als mit Alpine. Die Franzosen sind im Mittelfeld längst zur Fahrstuhlmannschaft geworden, die hinter den Top-3 zuverlässig auf und ab fährt. Mit der Manpower, dem Budget und der Infrastruktur von Aston Martin spricht nichts dagegen, dass Alonso mit seiner Wahl 2023 die Nase vorne haben kann.

Florian Becker

Contra: Auch für einen Fernando Alonso läuft die Zeit ab

Zeit ist Fernando Alonsos Problem. Egal, ob er es eingestehen will oder nicht. Am letzten Wochenende feierte er seinen 41. Geburtstag, während er den Deal mit Aston Martin unter Dach und Fach brachte. Heute mag er noch auf Spitzenniveau fahren, doch wie lange hält das? Es muss nämlich lange halten. Aston Martin wird nicht im nächsten Jahr um Siege fahren.

Das Team ist seit der Übernahme zumindest in dieser Hinsicht ehrlich. Siege sind zwar das erklärte Ziel, aber wer genauer nachfragt, bekam bislang üblicherweise eine realistische Antwort: Wohl nicht vor 2025 möglich, erst sind Infrastruktur-Projekte zu beenden. Dann ist Alonso 44. Wir müssen auch hier einmal ehrlich sein und festhalten, dass keine Karriere ewig dauert. Nicht auf dem Niveau, auf dem heute an der F1-Spitze gefahren wird. Kann ein 44-Jähriger wirklich noch mit Verstappen, Leclerc, Russell oder Norris mithalten?

Will Alonso noch gewinnen, so war Alpine realistisch gesehen für die nächsten ein bis zwei Jahre seine beste Chance. Das Team hat zwar Turbulenzen hinter sich, aber zumindest ist es ein Werksteam mit Infrastruktur und Aufstellung, welches die neue Reglementperiode bereits besser begonnen hat. Beruhigt sich die Lage, hat Alpine für die nächsten zwei Jahre wenigstens Außenseiterchancen.

Ungarn zeigte, dass Alonso und Alpine 2022 nicht an der Spitze kämpfen können, Foto: LAT Images
Ungarn zeigte, dass Alonso und Alpine 2022 nicht an der Spitze kämpfen können, Foto: LAT Images

Bei Aston Martin geht es ebenfalls turbulent zu, personelle Unsicherheiten im Management inklusive. Die neue Reglementperiode hat das Team mit ordentlichem Rückstand begonnen. So ein Rückstand ist nicht über Nacht, oder über eine Winterpause, einfach so aufzuholen. Selbst wenn das Team jetzt die Turbulenzen überwinden sollte, wird es dauern, bis die Lücke zu den Top-Teams zu ist. Vielleicht braucht es sogar eine signifikante Regeländerung dafür.

In Wahrheit war Alonso nie in einer guten Position, was Siege in der unmittelbaren Zukunft angeht. Diese Cockpits sind alle belegt. Alpine gab ihm die beste Chance, zumindest mit etwas Glück noch einmal ein oder zwei Jahre vorne mitzufahren, bevor es zu spät ist. Dann hätte er wohl den Platz für Shootingstar Oscar Piastri räumen können, sicher – aber diese zwei Jahre wären besser gewesen als die mittelfristige Dürre, die ihm bei Aston Martin droht. Ehe seine F1-Zeit abgelaufen ist.

Markus Steinrisser