“Fühlt sich an, als würden wir gerade einfach auf der Welle reiten!”, jubelt George Russell nach dem Qualifying in Silverstone. Nahtlos hat Mercedes an den Sieg in Österreich angeknüpft, und Russell zum zweiten Mal in 2024 seinen W15 auf den ersten Startplatz gestellt. Lewis Hamilton vollendete das Kunstwerk mit Startplatz zwei. Viel Stress im Qualifying wird mit einem ehrlich eingefahrenen Top-Ergebnis belohnt.

Denn diese silberne erste Reihe – die erste seit Brasilien 2022 – ist kein Abstauber-Ergebnis wie etwa der Sieg am letzten Wochenende. Pole-Mitfavorit Lando Norris wurde von beiden Fahrern fair auf den dritten Platz verwiesen. “Das Auto war einfach Wahnsinn, als es in Q3 losging, da wurde es so richtig lebendig”, beschreibt Russell. Davor hatte es lange nicht so gut ausgesehen.

Russell muss zittern: Jede Qualifying-Runde kurz vor Elimination

Mercedes hatte sich eher Hoffnungen auf nasse Bedingungen gemacht, doch der Regen verschwand noch in Q1. Danach war das Qualifying von einer rapiden Entwicklung der erst auftrocknenden und dann immer schneller werdenden Strecke gezeichnet. Nicht Russells Lieblingszustand.

Mercedes versuchte in Q1 und Q2 so viele Soft-Reifen wie möglich zu sparen. Mittelfeld-Teams dahinter hatten aber andere Prioritäten. “Wenn du Autos hast, die nur ein bisschen langsamer sind und die ganze Zeit neue Soft draufmachen, dann bist du immer im Hintertreffen”, erklärt Russell, der in Q2 nur einen Satz neuer Soft zugestanden bekam. “Die Strecke verbesserte sich auf jeder Runde, und so viel Druck wie in Q3 habe ich wohl noch nie gespürt, weil ich auf jedem einzelnen Q1- und Q2-Versuch kurz davor war, eliminiert zu werden.”

“Aber sobald ich in Q3 durch die ersten beiden Kurven bin, fühlte ich mich gut”, so Russell. “Diese Bedingungen haben das Auto einfach in das perfekte Fenster gebracht, und die Runde war richtig, richtig gut.” Hamilton stellte sich im entscheidenden Q3-Versuch als härtester Gegner heraus, scheiterte am Ende jedoch um 0,171 Sekunden. Aber in der Highspeed-Kombination Maggotts-Becketts-Chapel hatte er nie das gleiche Vertrauen ins Auto wie Russell.

“Als es nass war, da war ich wohl am glücklichsten”, meint Hamilton. Leider war nur das halbe Q1 nass: “Das war der einfachste Teil für mich, würde ich sagen. Sobald wir in Q3 ankamen, wurde es einfach ein bisschen härter für mich, mit der Balance.”

Hilft Silverstone-Wetter Mercedes auch im Rennen?

Anders Russell: “Es war einfach auf Schienen.” Er gewann schon den ersten Q3-Schlagabtausch mit 0,172 Sekunden. Beide legten im zweiten Versuch dank Gegenwind in den Kurven 6 und 7 und in der letzten Kurve nach, aber am Ende waren es eben wieder 0,171 Sekunden. Das war schlicht der Vorteil, den Russell in diesem Qualifying Hamilton gegenüber in der Hand hatte.

Mercedes im Aufwind! Kommt Verstappen jetzt doch? (17:31 Min.)

Die ersten beiden Startplätze zu belegen ist rückblickend mehr, als sich Mercedes vom Qualifying hier erwartet hatte. “Die Arbeiten am Setup über Nacht scheinen uns in die richtige Richtung gebracht zu haben”, mutmaßt Chefingenieur Andrew Shovlin. “Auch die kühleren Bedingungen könnten unserem Auto entgegengekommen sein.” Der Mercedes ist schon lange berühmt dafür, bei diesen Wetterbedingungen zum Leben zu erwachen.

Das alles heißt nicht, dass man sich über die ganze Renndistanz am Sonntag jetzt mehr zutraut als ein Podium. Lando Norris und Max Verstappen bleiben die erklärten Favoriten, mit einem Renn-Vorteil von eineinhalb bis zwei Zehnteln. Trotzdem – vor Heim-Publikum sind Russell und Hamilton in Silverstone zu zweit, und wollen den Fokus auf das Renn-Setup gelegt haben. Kühle Temperaturen, potenzieller Regen, da ist weiterhin alles drin.

Harte Gegenwehr wird unter anderem von Max Verstappen im Red Bull kommen. Im Qualifying blieb die aus, weil er sich nach einem Ausritt ins Kiesbett den Unterboden beschädigt hatte. Mehr dazu gibt es hier: