Die Formel 1 hat an Charles Leclercs freitäglicher Leistung in den ersten beiden Trainings zum Monaco-GP ordentlich zu knabbern. Am Abend steht fest: Jedes einzelne Team, egal ob Red Bull, Mercedes oder McLaren, hat Ferrari in eine klare Favoritenrolle gedrängt. Die Trainings-Analyse von Motorsport-Magazin.com kommt nicht umhin, sich diesem Trott anzuschließen. Warum die Konkurrenz nicht gut genug ist, und Leclercs Probleme nur schlechtere Nachrichten zu sein scheinen.

Mit seinem zweiten Freien Training schaffte es Leclerc nämlich auf bizarre Weise nicht, klare Verhältnisse zu schaffen. Sein Longrun auf alten Medium mit vollen Tanks – nach eigener Aussage “ein Desaster, so langsam” – war schlicht nicht gut. Und dann gibt es noch die Story von Lewis Hamilton, der zwar mit 0,188 Sekunden Rückstand auf Leclerc den zweiten Platz belegte, doch gute Argumente dafür hat, warum er eigentlich die beste Runde fuhr.

Reifensparer Hamilton vs. Verkehrs-Opfer Leclerc: Wer ist Schnellster?

Was hat es also mit der Hamilton-Geschichte auf sich? Wir brauchen einen kurzen Umweg über den Wetterbericht. Den ganzen Freitag trieben dunkle Wolken in der Nähe der Strecke. Mehrere Teams, darunter Mercedes und McLaren, entschieden sich daher für eine aggressive FP1-Strategie. Anstatt sich die Reifen gleichmäßig auf beide Freitags-Trainings aufzuteilen, verfeuerte man drei frische Sätze im ersten Durchgang. Dadurch hatten diese beiden Teams in FP2 – als dann doch kein Regen kam – keine neuen Soft-Reifen für eine Qualifying-Simulation.

Hamilton ritt seine Attacke auf Leclerc zur FP2-Halbzeit also mit alten Soft, die bereits einen Hitzezyklus durchlaufen hatten. Damit bis auf 0,188 Sekunden an Leclerc heranzukommen ist respektabel. Lando Norris, der das gleiche versuchte, bekam 0,675 Sekunden mit. George Russell und Oscar Piastri spielen keine Rolle. Russell kämpfte das ganze Training über mit einem Lenkproblem. Piastri zog nicht einmal die alten Soft auf.

Hamilton ergänzte die Leistung mit gebührendem Optimismus, sprach vom besten Tag der Saison. Als einziger konnte er den Zeitverlust auf Leclerc in langsamen Kurven eindämmen. Alle anderen fielen vor allem durch Rascasse merklich zurück. Doch der Schein trügt. Leclerc hat noch bei weitem nicht sein ganzes Pulver verschossen.

“Zu viel Verkehr”, klagte Leclerc nach dem Training und war schnell dabei, auf die einzelnen Sektoren zu verweisen. Die perfekte Runde schaffte er nicht. Anders als Hamilton, dessen einziger Schuss ein guter war. Leclerc unternahm auf dem gleichen Reifensatz vier Anläufe, doch immer kam ihm etwas (oder vielmehr jemand) dazwischen. Die theoretischen Bestzeiten zeigen ein anderes Bild.

Fahrer Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3 Zeit Rückstand
Leclerc 18,468 33,670 18,866 1:11,004
Hamilton 18,667 33,838 18,961 1:11,466 0,462
Alonso 18,683 33,823 19,119 1:11,625 0,621
Verstappen 18,690 34,010 19,045 1:11,745 0,741
Sainz 18,833 33,853 19,078 1:11,764 0,760
Norris 18,849 33,861 19,221 1:11,931 0,927
Perez 18,962 33,928 19,173 1:12,063 1,059

Leclercs theoretischer Vorsprung auf Hamilton beträgt fast eine halbe Sekunde. Auf einem so kurzen Kurs wie Monaco eine halbe Ewigkeit. Noch schlimmer ergeht es der Konkurrenz. Nicht zuletzt Max Verstappen, der in Imola nach ähnlich schwierigem Freitag noch einmal die Pole aus dem Hut zauberte.

Verstappen geht langsam die Qualifying-Munition aus

Red Bulls Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko ist in Monaco tatsächlich besser aufgelegt als in Imola: “Ja, es war ein Fortschritt von FP1 zu FP2. Wenn du das hernimmst, und Alonso, Hamilton, die haben alle den Motor aufgedreht, auch Leclerc.” Und im Longrun fand man erste Erklärungen für das bockige Verhalten des RB20 auf den Bodenwellen. Mit dem zusätzlichen Gewicht der vollen Tanks reduzierte sich das Problem.

Nur Verstappen selbst hat keinen positiven Ausblick parat: “Imola war komplett anders. Das waren andere Probleme, die konntest du mit dem Setup lösen. Diese Probleme hier kannst du nicht mit dem Setup lösen, weil sie darauf zurückgehen, wie das Auto gebaut wurde. Das geht nicht über Nacht.”

“Viele Wellen, Kerbs, Neigungsänderungen, die für uns praktisch unmöglich sind”, erklärt Verstappen, der bereits aufgesteckt hat. Der Motormodus macht in Monaco nicht so viel aus, und keine Setup-Änderung der Welt reicht in seinen Augen, um die hypothetischen sieben Zehntel Rückstand auf Leclerc hier auszuräumen. Während Marko weiter daran festhält: Der Red Bull sah auf dem Longrun besser aus.

Leclerc-Ferrari im Renn-Trimm ein Desaster: Was steckt dahinter?

Fest steht, dass der Red Bull im Renntrimm nicht das schnellste Auto war. Sondern – schon wieder – der Ferrari. Aber der andere. Carlos Sainz unterstrich das Potenzial des Autos mit vollen Tanks. Nur war er im Qualifying-Trimm bei der Balance verloren. Die Red Bulls bewegten sich dahinter mit halbwegs respektablen Zeiten. Leclerc fehlte deutlich Pace.

Nur gibt es ein Problem bei der Einstufung der Longruns. Wir sind in Monaco. Leclerc rutschte auf seiner ersten Runde direkt in den Notausgang von Ste. Devote. Dann musste er hinter Perez verzögern, um sich wieder freie Luft zu verschaffen. Eine desaströse Art und Weise, um den Longrun zu eröffnen. Es könnte gut sein, dass er sich damit selbst aus dem Arbeitsfenster der Reifen sperrte.

Vonseiten Pirelli wird festgehalten, dass einige Teams mit der Temperatur der Vorderachse zu kämpfen hatten. Das löste Graining aus. Besonders auf dem Medium. Die Opfer dessen waren im Longrun Hamilton, und auch Leclerc. Dass der seinen Longrun mit dem Ausritt und dem Verzögern hinter Perez begann, könnte genauso der Grund für seinen großen Rückstand relativ zu Sainz sein.

Außerdem rechnet Pirelli damit, dass das Graining im Falle eines trockenen Rennens praktisch verschwinden wird. Denn die Strecke in Monaco baut hier sehr schnell Grip auf. Auch wenn man im Verkehr steckt, wird das Problem schlimmer. Eine Pole würde Leclercs Leben also deutlich einfacher machen. Und auf die bleibt er klarer Favorit.

Ist Leclerc zu schlagen? Oder gelingt Hamilton die Sensation? (09:34 Min.)