Es ist der größte Formel-1-Transfer seit Jahren. Einmal mehr versucht sich mit Lewis Hamilton eine Legende am Projekt Ferrari. Wie zuletzt Sebastian Vettel riskiert er mit seinem Abgang viel – zu viel? Die Motorsport-Magazin.com-Redakteure Christian Menath und Markus Steinrisser sind sich uneins.

Pro: Nichts zu verlieren – das Risiko muss es Hamilton wert sein

Manchmal müssen Veränderungen eben sein. Ich bin kein Fan des Arguments, dass Ferrari und Lewis Hamilton kategorisch nicht zusammenpassen. Der Mann ist 39, hat schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Jetzt hat er sich zwei Jahre lang ein Team angeschaut, dass es nicht und nicht auf die Reihe gebracht hat, zählbare Fortschritte auf Schiene zu bekommen.

Ferrari mag zwar aktuell noch kein Red-Bull-Herausforderer sein, aber sie sind 2022 stärker gestartet, und hinterließen nach einem Durchhänger dann am Ende von 2023 in meinen Augen sehr wohl wieder den Eindruck, dass sie inzwischen verstanden haben, was sie tun. Von Mercedes kann ich das nicht behaupten. Da waren es zwei Jahre ohne nennenswerte Signale, dass es nachhaltig nach vorne geht.

Unter diesen Gesichtspunkten macht es dann, pragmatisch gesehen, keinen Unterschied für einen siebenfachen Weltmeister, ob er weiter das Risiko Mercedes eingeht, oder das Risiko der Maranello-Teamstruktur, mit einem etablierten Charles Leclerc, und mit dieser emotionalen und schnelllebigen Ferrari-Kultur. Ja, ich lege mich fest: Wenn das Auto schnell ist, dann ist auch Hamilton schnell. Egal, was drumherum passiert.

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton im Gespräch mit Ferrari-Pilot Charles Leclerc.
Hamilton und Leclerc, ein brandheißes Duo, Foto: LAT Images

Und wenn das Auto nicht schnell ist? Was soll’s! Einen Versuch war es wert. Bis auf den achten WM-Titel hat Hamilton eigentlich alle nennenswerten Rekorde für sich allein. Und das bringt uns zum zweiten Punkt: Es ist Ferrari. Ferrari! DAS F1-Team. Den Legenden-Status, den Hamilton erreichen würde, indem er Ferrari mit dem achten Titel aus der WM-Dürre führt, kann man denke ich nicht einmal annähernd beschreiben.

Egal, ob der alte ewige Traum von Ferrari und die Überlegungen zum eigenen Vermächtnis in Hamiltons Entscheidung hineinspielten oder nicht – er hat hier viel mehr zu gewinnen als bei Mercedes. Dort wird er für immer Legende bleiben, egal was er bei Ferrari noch erreicht. Bei einem Fahrer seines Kalibers, an diesem Punkt der Karriere, ist es dann den Versuch wert, die Unsterblichkeit zu garantieren.

Markus Steinrisser

Contra: Kann Hamilton auch ohne Mercedes-Liebe?

Klar, wenn Lewis Hamilton mit Ferrari seinen achten Titel holt, wäre er endgültig der Größte des Sports. Das ‘Wenn’ ist hier wohlgemerkt konditional, nicht temporal. Ich glaube nicht daran. Warum? Sportlich ist Ferrari für mich derzeit mit Mercedes auf Augenhöhe, vielleicht sogar ein Stück weit besser.

Aber Weltmeister? Es braucht mehr als nur ein konkurrenzfähiges Auto und einen starken Fahrer. Es braucht ein perfektes Team. Und ob das im Ferrari-Umfeld in den nächsten Jahren gebaut werden kann, daran habe ich so meine Zweifel.

Erst recht habe ich aber Zweifel daran, ob Ferrari das richtige Umfeld für Hamilton ist. Sebastian Vettel kann ein Lied davon singen, was es bedeutet, Ferrari-Fahrer zu sein. Und dabei rede ich nicht von Mythos, von tollen Straßenautos und gutem Essen. Ferrari ist ein spezielles Team. Ein Team, bei dem sogar Michael Schumacher vor dem Gewinn des ersten WM-Titels angezählt wurde. Bei Ferrari muss jeder Fahrer damit rechnen, jederzeit angezählt zu werden. Klar, Hamilton ist der erfolgreichste Formel-1-Fahrer der Geschichte. Das verschafft ihm Standing, aber die letzten Erfolge sind eben auch schon ein paar Jahre her.

Hamilton kommt mit 103 GP-Siegen im Rücken und wahrscheinlich auch mit gesundem Selbstbewusstsein, trotzdem braucht er nicht ein Umfeld, sondern sein Umfeld. Bei Mercedes wurde er mit Samthandschuhen angefasst, hatte Narrenfreiheit. Ob er das bei Ferrari bekommt? Ich habe da so meine Zweifel. Und ob dann das System Hamilton noch so funktioniert? Das ist die größte Frage für mich.

Sebastian Vettel scheiterte an seiner persönlichen Mission Ferrari, Foto: LAT Images
Sebastian Vettel scheiterte an seiner persönlichen Mission Ferrari, Foto: LAT Images

Vettel kann übrigens nicht nur ein Lied davon singen, was es bedeutet, Ferrari-Fahrer zu sein. Vettel kann auch ein Lied davon singen, was es bedeutet, bei Ferrari Teamkollege von Charles Leclerc zu sein. Für Hamilton wird es fahrerisch und politisch nicht leicht gegen den Monegassen. Der Wechsel ist wie 2013 mutig. Diesmal sehe ich aber noch mehr Stolperfallen. Ob Hamilton noch eine Ferrari-Legende wird? Ich denke nicht. Er hätte aber eine ewige Silberpfeil-Legende bleiben können.

Christian Menath

Alle weiteren Infos zum sensationellen Wechsel von Lewis Hamilton gibt es hier: