Acht Zehntel wären ihm lieber gewesen, meinte Max Verstappen am Samstag nach dem Qualifying. Aber in Imola kam McLaren bis auf acht Hundertstel an einen Red Bull heran, der davor in allen Trainings für Poles oder Siege zu schlecht war und stets schlagbar aussah. Somit ist heute alles angerichtet – es ist die spannendste Ausgangsposition seit Monaten. Auch mit Max Verstappen auf Pole. Der mutet im Favoritencheck diesmal alles andere als wie der Goliath der Formel 1 an.

Kein komfortabler Puffer von acht Zehntel also. McLaren und Ferrari sind so dicht dran, dass es noch immer gute Argumente dafür gibt, sie mindestens als Mitfavoriten hinzustellen. Dafür gilt es nun aufzurollen, ob denn Verstappens Pole-Erfolg auch Substanz hat – oder mehr Glück oder fahrerisches Ausnahmekönnen war. Verstappen selbst meint schließlich: “Ich bin ins Qualifying und dachte ehrlich gesagt: ‘Gut, wenn wir es in die Top-5 schaffen, wäre ich happy.'”

In 180 Minuten Trainingszeit hatte bei Red Bull nämlich nichts funktioniert. Am Freitag klebte das Heck nicht. Nach nächtlichen Umbauten verkehrte es ins Untersteuern. Das Auto war in keinem einzigen Training, und weder auf eine Runde noch im Longrun, gut zu fahren oder schnell. Doch das Team bastelte immer weiter am Setup. Und landete pünktlich zum Qualifying einen Volltreffer.

“Ich konnte die Kurven endlich attackieren”, erklärte Verstappen. Trotzdem brauchte er Hilfe zur Pole. Auf der letzten Runde fand er am Weg zur ersten Kurve in einer glücklichen Fügung Gratis-Windschatten vor, bereitgestellt von Nico Hülkenberg. Ohne den Haas wäre er wohl hinter Oscar Piastri und Lando Norris nur die drittschnellste Zeit gefahren. Mehr zu seinem Qualifying-Abstauber gibt es hier:

Erste Startreihe sollte McLaren gehören: Favoriten im Rennen?

Für McLaren fielen die Würfel im Qualifying vielerorts falsch. Geht es nach reiner Pace, so sollte wohl Piastri vor Norris auf Pole stehen. Doch zuerst war da der Hülkenberg-Windschatten. Dann kassierte der zweitplatzierte Piastri drei Strafplätze, weil das Team es verabsäumt hatte, ihn beim Verlassen der Box in Q1 auf den auf einer schnellen Runde befindlichen Kevin Magnussen hinzuweisen. Wohlgemerkt beim Verlassen der Box für eine Runde, die er gar nicht brauchte. Mehr zu Piastris Unglück gibt es hier:

So sortierte sich die Startaufstellung neu: Verstappen vor Norris, eine rote Reihe zwei mit den Ferraris von Charles Leclerc und Carlos Sainz, dann erst Oscar Piastri neben George Russell in Startreihe drei. Dass vorne zwei McLaren stellen sollten, bringt aber die Frage auf, ob damit nicht auch zumindest Norris als erster Favorit ins Rennen gehen sollte. Schließlich fuhr er schon am Freitag in den Medium-Longruns auf Augenhöhe mit Charles Leclerc. Auf dem Hard war Piastri der Schnellste gewesen.

“Wir haben nicht die schnellsten Runden in diesen Longruns gefahren”, relativiert Norris jedoch. “Wir waren vielleicht am konstantesten, aber viele der anderen hatten Verkehr und so. Also ist es eng, so wie heute.” Sein Teamchef Andrea Stella mahnt: “Ich denke noch immer, dass Ferrari sehr stark ist. Ein paar der Runden, die besonders Leclerc in seinem Longrun gefahren hat, sahen für uns sehr beeindruckend aus.”

Ferrari verblasste im Qualifying aus zwei Gründen. Zum einen scheint der SF-24 nicht ganz so behände bei der Vorbereitung der Soft-Reifen für eine Pushrunde. Was für einen langen Renn-Stint keine nennenswerte Rolle spielt. Zum anderen unterminierte der am Samstag drehende und nun in den Kurven 2 und 7 von hinten blasende Wind die Balance. Das kann im Rennen schon eine Rolle spielen – da heißt es abwarten, von wo der Wind heute kommt.

Erste Schikane als Siegbringer in Imola: Wer hält am Start heute rein?

Unter dem Strich zeigen die Zeichen für heute also auf einen potenziellen Dreikampf von Verstappen, Norris und Leclerc mit ähnlicher Pace. Das hatte die Formel 1 schon lange nicht. Dann entscheidet in einem Rennen erst einmal die Strategie. Die erscheint in Imola jedoch recht einfach. Ein mit 28 Sekunden gigantisches Boxenstopp-Delta lässt alle vor Stopps zurückschrecken. Außerdem hält der Reifen gut. Eine Medium-Hard-Einstopp ist als Strategie gesetzt.

Die Optionen sind so beschränkt. “Du kannst früh stoppen, einen frühen Undercut versuchen, oder spät stoppen und Leute mit frischeren Reifen überholen”, meint Andrea Stella. Letzteres hat das Problem, dass Imola nur eine DRS-Zone und wenig Überholplatz bietet. Daher ist der für ein Manöver benötigte Pace-Vorteil signifikant.

Die erste Kurve in Imola macht den Start eine haarige Angelegenheit, Foto: LAT Images
Die erste Kurve in Imola macht den Start eine haarige Angelegenheit, Foto: LAT Images

Wer aber eine marginal bessere Pace als der Vordermann hat und daher zu Beginn feststeckt, der könnte durchaus – ähnlich wie Norris in Miami – den ersten Stint in die Länge ziehen, ohne allzu viel Zeit zu verlieren, kann sich Pirelli vorstellen. Eben dank der geringen und primär nur hitzebedingten Reifenbelastung, die es dem Reifen erlauben kann, sich bei freier Fahrt wieder zu stabilisieren.

Bei vergleichbarer Pace wird der Start aber der Schlüssel. 399 Meter bis zur ersten Bremszone sind ein langer Weg. Ein kleiner Vorteil für Leclerc und Sainz: Aus der zweiten Reihe können sie den Windschatten von Verstappen und Norris abgreifen. Könnten die danach zurückschlagen? Wir müssen das Rennen abwarten. Immer gut, wenn die Formel 1 das mal wieder sagen kann.

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