In der 21. Runde des Miami-GPs beging Max Verstappen einen seltenen Fehler. Ein kleiner Rutscher in der Schikane, er sprang über den Kerb, rasierte den dort zur Orientierung stehenden Plastik-Poller ab. “Ich mochte ihn nicht, also entschied ich mich, ihn abzuschießen und die Haltbarkeit des Frontflügels zu testen”, scherzt Verstappen nur darüber. Nicht so locker klingt es von Team-Seite. Fuhr er sich das Auto und damit die Chance auf den Sieg kaputt?

Der am Ende zweitplatzierte Verstappen war doch beachtliche 7,612 Sekunden hinter Lando Norris ins Ziel gekommen, nachdem der McLaren großes Glück mit einem Safety Car hatte und dadurch kurz nach Rennmitte die Führung geschenkt bekam. Danach fuhr er dem sonst so dominanten Red Bull einfach davon. “Da war kein Schaden”, ist Verstappen in der Pressekonferenz trotzdem überzeugt. Eine Ansicht, die Red-Bull-Teamchef Christian Horner ganz und gar nicht teilt.

Wie schwer wiegt der Poller-Schaden? Verstappen und Horner uneins

Verstappen hatte den Poller erst in der Aufhängung eingeklemmt und mitgeschleift. Dann flog er über das Auto nach hinten. Laut Horner kam es dabei wohl zu einem doch heftigeren Kontakt mit dem Unterboden links hinten: “Da fehlt ein gutes Stück, und du siehst, dass es sich auch zu biegen beginnt, das hilft sicher nicht.”

“Er hat zweieinhalb Zehntel in jeder Runde in Kurve eins verloren”, hält Horner fest. Wenngleich er noch keine genauen Zahlen hat, und daher nicht weiß, ob das am Schaden lag: “Wir werden uns die Auswirkungen genau anschauen, aber er hatte ausreichend Pace, dass er an einem Punkt von Oscar weggefahren ist.” Auch die erste Rennhälfte hatte der da noch führende Verstappen in einem Duell mit einem McLaren verbracht, nämlich mit Oscar Piastri im Heck. Den konnte er zwar nicht abschütteln, aber stets gute drei Sekunden auf Abstand halten.

Dieser Analyse steht die Meinung von Verstappen selbst gegenüber: “Es hat sich nicht anders angefühlt. Ich weiß nicht. Vielleicht war es schon kaputt. Ich meine, ich habe das Ding getroffen, und meine Pace war danach die gleiche.” Fundamental war sein RB20 am Miami-Wochenende nicht gut.

Schwacher Red Bull hat in Miami keine Antwort auf Norris parat

Den Sprint hatte Verstappen zwar gewonnen, aber es war das gleiche Bild wie im Grand Prix gewesen. Führen, aber nicht davonfahren. “Ziemlich mies” beschreibt Verstappen das Gefühl. “Auf dem Medium war es noch halbwegs gut, aber auf dem Hard war es ein ziemliches Desaster. Einfach wenig Grip, schwierige Balance in langsamen Ecken, ich konnte das Heck nicht belasten. Während ich in schnellen Ecken viel Untersteuern hatte. Das kannst du nicht ausbalancieren, das sind zwei unterschiedliche Dinge.”

Trotzdem hätte es zum Sieg gereicht, solange Verstappen einfach vorne geblieben wäre, glaubt Horner: “Wir hatten keine 25 Sekunden in der Hand, aber wir sahen es im Sprint – ich denke, wir hatten genug.” Dann ereilte Verstappen eine Extra-Portion Pech mit dem Safety Car in Runde 29. Sechs Runden davor hatte er seinen ersten und einzigen Stopp absolviert. Auf dem Papier der optimale Zeitpunkt für die Einstopp, so Horner.

Norris zog den ersten Stint in die Länge und war so kurzfristig Erster. Das Safety Car garantierte ihm nun einen Stopp zum Billig-Tarif. Als es beim Verlassen der Box dann auch noch ihn verpasste, stattdessen den zweitplatzierten Verstappen aufgabelte und dem Red Bull weitere Zeit kostete, war besiegelt, dass Norris in Führung bleiben würde. Pech, da sind sich Verstappen und Horner einig. Passiert eben im Motorsport manchmal. Keiner der beiden sieht die Not, sich zu beschweren.

Der zweitplatzierte Max Verstappen (Red Bull) gratuliert Lando Norris (McLaren) im Parc Ferme zu seinem ersten Sieg
Mit dem Norris-Sieg kann Verstappen noch immer leben, Foto: LAT Images

Und immerhin war Verstappen noch immer Zweiter, direkt hinter Norris: “Selbst mit dem Safety Car hatten wir heute alle Chancen, um zu gewinnen, aber wir waren danach nicht schnell genug.” Schon als er nach seinem Stopp Norris’ Rundenzeiten auf dem alten Start-Medium gemeldet bekam, ahnte er: “Die waren ziemlicher Wahnsinn. Die hätte ich nie fahren können. Selbst ohne Safety Car wäre er mit frischeren Reifen gekommen, und ich hätte ordentlich pushen müssen, um ihn abzuwehren.” Ob das nun an einem Schaden lag oder nicht, sei erst einmal dahingestellt.