Die Geister von Russland 2021 rufen wieder. Silverstone hat nichts dafür getan, die Theorie zu entkräftigen, wonach McLarens Formel-1-Strategen nicht fit genug sind, um gegen Red Bull oder Mercedes um Siege zu kämpfen. Im Gegenteil. Obwohl Lando Norris schon einige schlimme Regen-Strategien durchzog, setzte der Großbritannien-GP noch einen drauf. Gleich vier Momente muss das Team reuig nach dem Rennen als Punkte identifizieren, an denen man den Sieg weggeworfen hat. Die Analyse von Motorsport-Magazin.com rollt sie auf.

1. Fehler: Oscar Piastri muss im Regen mit Slicks weiterfahren

Eigentlich waren beide McLaren im Rennen um den Sieg. Wie schon in Kanada spielte der MCL38 starkes Reifenmanagement bei kühlen Mischbedingungen aus. Bei drohendem Regen warteten nach dem Start nämlich alle auf Medium zu. Viele Autos prügelten dabei zu sehr auf die Vorderachse ein. Lewis Hamilton und Max Verstappen gestanden nach dem Rennen, dass sie sowieso mit zu wenig Vorderflügel gestartet waren und zu viel Untersteuern im Auto hatten.

Als ab Runde 15 Nieselregen kam, waren die McLaren-Reifen in besserem Zustand. Der Extra-Grip katapultierte Norris und Oscar Piastri vorbei an Verstappen, vorbei an beiden Mercedes, und in eine Doppelführung, denn das Nieseln war nicht ausreichend, um auf Intermediates zu wechseln. Erst ein zweiter Schauer ab Runde 26 war stark genug dafür.

Nur Verstappen und Carlos Sainz erfassten vorne sofort, was Sache war. Bei McLaren und Mercedes ließen sich die Fahrer, vielleicht auch vom vorangegangenen mageren Schauer, zu einer weiteren Runde hinreißen.

McLaren gesteht Fehler: Die Boxenstopp-Mathematik stimmt nicht

Bei McLaren multiplizierte ein grober Denkfehler die Strafe, die man für die zusätzliche Runde bezahlte. “Wir waren zu gierig, wollten nicht akzeptieren, dass wir Zeit mit einem Doppelstopp verlieren”, sagt Teamchef Andrea Stella. Piastri hätte hinter Norris in der Box warten müssen und damit fast sicher Platz zwei an Hamilton verloren. Schon am Funk wurde dem Australier diese Situation von Renningenieur Tom Stallard dargelegt. Weil keiner der beiden in Runde 26 den Stopp wagte, Norris aber in Runde 27 wollte, musste Piastri draußenbleiben.

Stelle McLaren #81
Runde 24
Wellington Tom Stallard: “Klasse 1 in der Box. Start von 30 Minuten Regen.”
Woodcote Piastri: “Scheint etwas stärker auch auf der Strecke.”
Hangar Stallard: “Noch immer Klasse 1 in der Boxengasse. Anderes Auto fährt durch.”
Runde 25
Wellington Stallard: “Ricciardo verliert etwas Zeit, er ist eine halbe Runde entfernt.”
Copse Stallard: “Oscar, wir denken, der Regen wird stärker werden.”
Hangar Piastri: “Ja, es ist zu früh für Inters.”
Runde 26
Start Stallard: “Ricciardo jetzt 1,5 Sekunden über seinem Delta.”
Woodcote Piastri: “Kurz vor Inters.”
Copse Stallard: “Oscar, sollen wir stoppen, wenn Lando draußen bleibt?”
Maggotts Piastri: “Ja.”
Hangar Piastri: “Schwer zu sagen. Ich denke, wir müssen weiterfahren.”
Vail Stallard: “Regen ist identisch in der Box.”
Runde 27
Start Stallard: “Verstappen stoppt.”
Wellington Stallard: “Ricciardo verliert mehr Zeit in Kurve 9 und den S-Kurven.”
Woodcote Stallard: “Klasse 1,5 in der Box.”
Piastri: “Lasst mich wissen, ob sie schneller sind.”
Hangar Stallard: “Okay, Verstappen ist schneller.”
Piastri: “Wie viel? Ich verliere Zeit hinter Lando.”
Stowe Stallard: “Lando stoppt, ich empfehle draußen bleiben.”
Piastri: “Bestätige.”

Statt nur fünf Sekunden beim Doppelstopp verlor Piastri so alles. Besonders im nassen Mittelsektor. Verstappen, der Runde 26 perfekt erwischt hatte, gewann schon auf Mercedes und Norris über fünf Sekunden in einer Runde. Und Piastri? Vor dem Stopp war er zehn Sekunden vor Verstappen Zweiter. Vier Runden später, am Ende der Rotation, war er Sechster, zehn Sekunden hinter dem Red Bull. 20 Sekunden vergeben.

Offenbar war für McLaren nicht logisch, dass auch bei gleichbleibendem Nieselregen die Strecke feuchter werden würde. “Gerade mit dem steten Regen war es ja nicht so, dass er leichtere Bedingungen haben würde”, kann Stella erst im Nachhinein gestehen. “Wir hätten Oscar einfach zwingen und sagen sollen: Sorry, Doppelstopp.”

2. Fehler: Lando Norris wird zu spät gestoppt

Nun hatte McLaren nur mehr Norris vorne im Rennen. Der aber hatte die Führung in die Intermediate-Phase gerettet. Die Spitzengruppe belauerte sich bei feuchten Bedingungen für gut zehn Runden. Dann riss es auf. Diesmal war Hamilton erster Mann an der Box. Verstappen folgte ihm. Die Kommunikation liest sich mustergültig. Minimaler, effizienter Informationsaustausch.

Stelle McLaren #4
Runde 35
Wellington Joseph: “Denk dran, sie haben nur Soft oder Hard.
Wir haben Medium, wenn wir wollen.”
Woodcote Norris: “Regnet noch ordentlich.”
Runde 36
Hangar Joseph: “Klasse halb in der Box, das ist weniger, und die Sonne kommt.”
Runde 37
Wellington Joseph: “Lando, was denkst du Soft vs. Medium?”
Norris: “Schwierig.”
Copse Norris: “Sie müssen den Soft aufziehen. Wenn wir das decken wollen.”
Hangar Norris: “Ja, wird schon trocken an Stellen.”
Runde 38
Wellington Joseph: “Kein Regen mehr erwartet. Nach dieser noch 14.
Wir denken Soft wäre okay.”
Woodcote Norris: “Ja, ich denke muss Soft sein. Noch recht nass.”
Runde 39
Start Joseph: “Hamilton, Red Bull stoppen.”
Abbey Norris: “Wie ist der Soft, wer fährt?”
Wellington Joseph: “Auf der Outlap sieht der Soft nicht schneller aus.
Oscar stoppt für Medium.”
Woodcote Norris: “Ja. Box. Box.”
Joseph: “Verstappen auf Hard.”
Copse Norris: “Wir müssen stoppen. Der Soft ist besser. Oder jeder Slick.”
Maggotts Joseph: “Wir können mit Medium Leute wie Verstappen abdecken.
Oder mit Soft Leute wie Hamilton.”
Chapel Norris: “Hamilton … ich denke Hamilton.
Oder denkst du Medium. Mir ist egal.”
Hangar Joseph: “Wir nehmen Soft.”

Tatsächlich war das auch bei einer McLaren-Paarung der Fall. Nicht bei Norris und Joseph. Mehrere Probleme gibt es aufzurollen. Nicht zuletzt aber eine unendlich lange Diskussion über den richtigen Reifen. Die schlussendliche Soft-Wahl rollen wir gleich noch auf. Zuerst aber ist festzustellen: Bei Hamilton und Verstappen war der Reifen eine von der Box getroffene Entscheidung. Piastri war sich nach einer Nachfrage sofort klar, was er wollte.

Stelle McLaren #81
Runde 37
Start Stallard: “Fast vorbei in der Box.”
Piastri: “Fängt schnell zu trocknen an.”
Wellington Piastri: “Könnte wie Sichtungsrunden sein.”
Copse Stallard: “Regen hat aufgehört.”
Hangar Stallard: “Wettbewerber haben keinen Medium. Wir denken, Medium ist bester Reifen.
15 Runden noch…”
Piastri: “Ja, ja, ist der beste.”
Runde 38
Start Piastri: “Müssen nur die Runde erwischen.”
Woodcote Piastri: “Ist sehr knapp dran an Slicks.”
Stallard: “Rundenzeiten sehr knapp am Crossover, noch stoppt niemand.”
Hangar Stallard: “Hamilton stoppt.”
Piastri: “Ich denke Box, denke Box.”
Stowe Stallard: “Box, Box.”

Verstappen und Piastri erinnerten sich auch sofort an die Sichtungsrunden in die Startaufstellung, wo die Wetterbedingungen ähnlich waren. Bei Norris wurde gezaudert, mehr und mehr Informationen flossen. Durch die eine Runde Wartezeit ging Hamilton fröhlich-winkend vorbei und in Führung.

McLaren gesteht Fehler: Wir dürfen die Fahrer nicht überfordern

“In diesen Bedingungen wollten wir uns mit Lando bezüglich der Bedingungen absprechen”, meint Stella. Dass der Umfang ein Fehler war, weiß er selbst: “Wir haben die Möglichkeit, diese Entscheidung zu treffen. Wir haben mehr Infos, mehr Leute. Die Verantwortung, Soft statt Medium zu wählen, liegt beim Team. Und das wäre die bessere Wahl gewesen. Das ist zu 100 Prozent meine Verantwortung auf der Boxenmauer. Der Fahrer gibt seinen Input. Die Boxenmauer hätte sagen sollen, wir nehmen Medium.”

3. Fehler: Lando Norris will (?) – und bekommt – Soft-Reifen

Damit sind wir beim nächsten Fehler angelangt. Alles, was die eineinhalb Runden lange Funk-Debatte zwischen Norris und Joseph auslöste, war die völlig falsche Entscheidung, auf Soft zu gehen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner schwirrt der Kopf. Sein Fahrer bekam ungefragt, weil für Red Bull selbsterklärend, Hard: “Unergründlich. McLaren war das einzige Team mit neuen Medium. Und fährt nicht damit … Das war der perfekte Reifen.”

Nur McLaren hatte zwei Sätze Medium pro Fahrer gespart. 15 Runden vor Schluss war der perfekt. Im Feuchten war der Hard nicht so leicht auf Temperatur zu bringen. Der Soft würde aber keine 15 Runden halten. Also bekam Verstappen Hard. “Wir sahen im ersten Stint bei jenen, die ihn hatten, dass er Müll war”, sagt Horner. Innerhalb von sieben Runden waren am Start Esteban Ocon und Zhou Guanyu damit eingebrochen. Das wiederholte sich hintenraus eins zu eins bei Norris. So konnte er weder Hamilton angreifen, noch Platz zwei gegen Verstappen verteidigen.

McLaren gesteht Fehler: Hätten nicht auf Lewis Hamilton schauen dürfen

Aber Piastri wählte korrekt den Medium. Warum Norris nicht? Nach Lewis Hamiltons Stopp setzte in der Norris-Garage eine Art Zielfixierung ein: Wenn man sich so auf ein Objekt versteift, dass alles andere verschwimmt. “Lewis auf den Soft ist einer der störenden Faktoren für unsere Entscheidung”, meint Stella. “Der Medium würde am Ende schneller sein. Aber wie viel verlierst du in den ersten drei Runden? Und wie groß ist das Risiko, auf einem nassen Fleck das Auto zu verlieren?

“Wir wurden zu sehr von Lewis beeinflusst”, gesteht Stella. Teil des Problems ist, dass Hamilton in Silverstone alle daran erinnerte: Er ist der unangefochtene König des Reifenschonens. In Silverstone wird dieses Können in Highspeed-Kurven massiv belohnt. Und Hamilton lieferte ein Lehrstück des Reifenschonens. Erst auf der letzten Runde begann der Soft einzugehen.

Gut möglich, dass das kein anderer Fahrer hätte schaffen können. So ist für Stella, der das unumwunden anerkennt, nicht einmal sicher, dass Norris mit Medium gewonnen hätte: “Wir hätten in seinem Getriebe stecken können, aber Überholen ist eine andere Geschichte.”

4. Fehler: Lando Norris wird zu langsam gestoppt

Warum McLaren Norris so lange draußen ließ, hatte noch einen Grund. Man glaubte fest daran, dass es reichen würde, reaktiv zu sein. Dass die Strecke am Crossover-Punkt nicht sofort so schnell sein würde, dass der Slick auf der Outlap gleich schneller sein würde als der Intermediate. Und Norris hatte schließlich vor der Wechsel-Sequenz in Runde 37 zwei Sekunde Vorsprung.

“Wir dachten, mit einer weiteren Runde würden wir weiter die Führung behalten”, so Stella. Norris überschoss nur in der nassen Boxengasse seinen Standplatz. Die Mechaniker mussten nachrücken, der Stopp dauerte 3,77 Sekunden. 0,78 länger als der Hamilton-Wechsel. “Das reicht, aber es garantiert nicht, dass er in den Kurven 3 und 4 auch vorne bleibt”, schränkt Stella ein.

Denn die Zahlen zeigen rückblickend: Sobald Hamilton es aus der feuchten Boxengasse geschafft hatte, war er auf dem Soft sofort schneller als Norris. Im Mittelsektor gewann er bereits eineinhalb Sekunden. Im besten Fall wäre Norris neben Hamilton aus der Box gekommen – im feuchten Teil. Da vorne zu bleiben ist fast auszuschließen.