
Schnüffelt gerne am Print-Magazin, gibt mit seiner bestandenen Steward-Prüfung an, hält lange Monologe, war einst gut im Mario Kart – und liebt die F1 bedingungslos.MEHR

Nico Hülkenberg war schon raus aus der Formel 1. Als Edel-Joker blieb er heiß, mit Haas schaffte er ein Sensations-Comeback, mit Sauber die Podiums-Sensation. Nach der Sensation kommt die Revolution: Warum sich der 38-Jährige mit Audi auf die neuen Regeln freut – obwohl es aktuell so gut läuft.
Dieses Interview stammt aus der 104. Printausgabe des Motorsport-Magazins, veröffentlicht am 28. August 2025.
Motorsport-Magazin : Vor zwei Jahren hast Du Pierre Gasly unter die Top-3 des Formel-1-Fahrerfeldes gewählt. Deine Begründung dafür war, dass er sich nach dem Wechsel zu Alpine so schnell eingelebt hatte. Hast du es in diesem Jahr auch so auf den Punkt hinbekommen?
NICO HÜLKENBERG: Auf den Punkt nicht. Es ist aber auch sehr schwer, das zu beurteilen, weil man nicht weiß, wie es anders hätte laufen können. Ich weiß aber, dass es ein Prozess ist, in den man sich richtig reinfuchsen und reinknien muss. Man muss gemeinsam eine Beziehung aufbauen und lernen, dieselbe Sprache zu sprechen – das ist natürlich nicht von Anfang an der Fall. Insbesondere, wenn man von einem anderen Team kommt, bei dem man sich eingearbeitet hatte. Da kommt man zu einem neuen Team mit ebenso kompetenten Leuten, aber jeder Mensch funktioniert und kommuniziert ein bisschen anders. Das ist ein Eingewöhnungsprozess, bei dem man das Eis brechen muss und sich peu a peu aneinander gewöhnt und miteinander wächst. Erfolgsmomente helfen auch, um diesen ganzen Prozess zu beschleunigen. Natürlich gibt es Dinge, die hätten besser laufen können.
Zum Beispiel?
Am Anfang der Saison war es generell schwierig, aber da hatten wir auch nicht die Konkurrenzfähigkeit im Auto. Das hat sich erst seit Barcelona ergeben. Davor waren wir schlicht nicht schnell genug. Wir hatten keine Performance, kein gutes Reifenmanagement. Wir hatten wenig zu bieten. Dann ist alles ein Ticken schwerer.
Wenn irgendetwas bei mir nicht funktioniert, dann sind es die Qualifyings dieses Jahr. Die laufen nicht so rund und nicht so geölt wie sonst. Aber im Rennen läuft es umso besser. Seit Mai haben wir diesen Aufwärtstrend mit dem Update, das für unsere Saison fundamental wichtig war. Ohne das wäre es vermutlich ein mühsames und zähes Jahr geblieben.
Bist Du dennoch überrascht, wie nahtlos der Teamwechsel für dich persönlich abgelaufen ist?
Ganz so nahtlos war das nicht. Wir mussten viel investieren. Aber man sieht von außen nicht, wie viel hinter den Kulissen und zwischen den Rennen geschieht. Es ist sehr viel passiert und gewachsen. Es war auch ein Stück Arbeit, was selbstverständlich zu erwarten war.
Du hast das Qualifying angesprochen. Woher kommen die Probleme? Ist es Gabriel, der im Qualifying eine hohe Messlatte anlegt oder fühlst du dich nicht hundertprozentig wohl im Auto?
Es ist schwer, das mit hundertprozentiger Sicherheit zu sagen, weil viele kleine Puzzleteile zusammenpassen müssen. Dieses Jahr sind es nach meinem Gefühl fünf Teams und zehn Autos, die um nur eine Zehntelsekunde kämpfen. Wenn sich alle innerhalb einer Zehntelsekunde befinden, ist die Luft sehr dünn. Wenn eine Kleinigkeit nicht passt, dann ist sie meistens schon das Zünglein an der Waage, dass es nicht reicht, um überhaupt aus Q1 herauszukommen. Es ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Wie meistens sind es mehrere Kleinigkeiten, die einfach noch nicht gut genug sind.
Werfen wir einen Blick auf die Rennen, auf das andere Extrem. Wieso läuft es so gut? Liegt es an der Erfahrung oder am Auto?
Auch hier ist es ein Mix aus beidem. Ich habe in den letzten Jahren viel an mir gearbeitet und viel gelernt, wie ich die Rennen anzugehen und einzuteilen habe und habe mir ein besseres Rennverständnis erarbeitet. Auf der anderen Seite habe ich seit Barcelona ein Auto, das mitgeht und mir als Fahrer die Möglichkeit gibt, einen Unterschied zu machen. Es ist ein Auto, das mit den Reifen gut haushält. Als Fahrer kannst du damit noch mehr veranstalten.
2010 hattest du in deiner ersten Formel-1-Saison Rubens Barrichello als Teamkollegen. 15 Jahre später haben sich die Vorzeichen gedreht: Du bist der Erfahrene, an deiner Seite fährt mit Gabriel Bortoleto ein junger Brasilianer. Kannst du auch etwas von ihm lernen?
Viel sogar. Fahrtechnisch ist er sehr versiert, daran arbeitet er sehr viel. Er ist als junger Typ – wie auch Max Verstappen – einer der Simulator-Generation. Sie verbringen Tag und Nacht am Simulator. Das gibt ihm viel, wie er fährt und welchen Beitrag er im Team leistet. Seine Herangehensweise ist sehr professionell und da sind auch Dinge für mich dabei. Ich glaube, dass wir uns gegenseitig sehr beflügeln. Er hat seinen eigenen Simulator eingerichtet. Bei mir wird das nicht mehr passieren.
Wenn die junge Generation etwas aus der Simulatorarbeit lernt, warum möchtest du das nicht versuchen? Könntest Du nicht auch noch etwas herausholen?
Dafür musst du offen sein, Spaß daran haben und es wollen. Ich bin da mehr Oldschool und natürlich in einem anderen Alter und habe nicht das Interesse in diese Gamingwelt einzutauchen. Das zu erzwingen, habe ich auch schon einmal probiert. Aber das funktioniert einfach nicht.
Vor ein paar Jahren hatte ich mir einen Simulator gekauft, zuhause aufgebaut und versucht, zu fahren. Aber davon bekam ich eher schlechte Laune und das ging für mich nicht auf.
Wie kann man sich den Input von Gabriel vorstellen? Sagt er zum Beispiel, dass man jetzt ein stärkeres V in einer bestimmten Kurve fahren soll?
Genau! Es geht um technische Fahrweisen, um fahrdynamische Themen. Er arbeitet mit einem langjährigen Weggefährten sehr im Detail und an Feinheiten.
Würdest Du sagen, dass sich bei dir im Vergleich zum ersten Teil der Karriere etwas gewandelt hat? Dass Du erst ein bisschen unglücklich warst und nun das Glück erzwingst – wie mit dem Podestplatz in Silverstone?
Das kann man nur schwer sagen. Es gab immer Gründe und Situationen, weshalb der Podestplatz im ersten Teil der Karriere nicht kam. Es sind Fehler auf verschiedenen Ebenen passiert, teilweise bei mir, teilweise strategisch und anderer Herkunft. Die Puzzleteile haben sich nicht so zusammengefügt, damit es passierte. Ich weiß nicht, inwiefern das als Glück oder Pech bezeichnet werden kann. Wenn man aber dranbleibt und tüchtig ist, wird harte Arbeit irgendwann belohnt.
Bei Audi wirst Du 2026 zum zweiten Mal Teil eines Werksteams sein nach Deiner Zeit bei Renault. Inwiefern ist das Umfeld im Werksteam anders als beim Kundenteam?
Es ist noch nicht ganz der Fall und beginnt erst. Wenn du aber eine globale Automarke vertrittst, ist das ein anderer Auftritt und ein anderes Gefühl. Es ist größer und einfach mehr. Auch auf das Arbeiten bezogen. Es ist umfänglicher. Es ist ein größeres Team, man hat mehr Ressourcen. Und es ist auch mehr auf der Marketing-Seite, weil ein Autokonzern seine Produkte zu vermarkten versucht. Es kommt aber immer darauf an, es gibt auch andere Privatteams. Ich war zum Beispiel nie bei Red Bull. Das ist auch ein Privatteam und dort könnte es auch wie in einem Werksteam sein.
Kannst du bereits Unterschiede im Vergleich zu Deiner Zeit bei Renault sehen?
Dafür ist es noch zu weit weg und zu früh. Wir sind noch ein gefühltes halbes Jahr weg, bis das Realität wird und wirklich auch alles greift. Aber der Dienstwagen ist bereits jetzt ein Upgrade!
Wann hast Du das erste Mal an Audi als potenziellen Arbeitgeber gedacht? Du hast dein Comeback im Jahr 2023 gegeben – als Audi bereits den Eintritt in die Königsklasse bekanntgegeben hatte. War das ein Ansporn?
Nullkommanull, ehrlich gesagt. Ich kam ohne wirkliche Erwartungen zurück mit Haas, das auch aus schwierigen Jahren kam. Und dann hat sich die Geschichte positiv entwickelt, sowohl meine als auch die des Teams. Wir sind zusammengewachsen und haben etwas aufgebaut. Das Thema Audi wurde ehrlicherweise erst im Frühjahr 2024 präsent für mich.
Der ehemalige Audi-Projektleiter Andreas Seidl hatte Dich zu Audi gelotst. Vermisst Du ihn?
Menschlich mag ich ihn sehr. Wir sind Weggefährten aus der Porsche-Zeit mit Le Mans und natürlich war er derjenige, der federführend mitgewirkt hatte – er und Oliver Hoffmann. Aber die Dinge verändern sich in der Formel 1. Es liegt nicht in meiner Macht und meiner Kraft. Es ist alles fein so wie es ist.
Wir nehmen bei Sauber derzeit eine regelrechte Aufbruchstimmung wahr. Ausgerechnet bei Sauber, einem Team, das viele schwierige Jahre hatte, die du selbst teilweise miterlebt hast. Wie erlebst du die aktuelle Zeit?
Alle Beteiligten spüren diese Aufbruchstimmung und wissen, dass sie mit auf der Reise und Teil eines großen Projekts sind. Das ist in allen Köpfen drin. Das macht positiv etwas mit dir. Das ist ein Katalysator, du bekommst ein Momentum und das eine kommt zum anderen. Die positiven Ausreißer wie in Barcelona und Silverstone sind wichtig. Dafür macht man das alles, damit man die Erfolgserlebnisse bekommt. Dass alle den Glauben an sich selbst und an das Projekt haben und man sieht: “Hey, wir arbeiten viel, aber jetzt ernten wir auch einmal die Früchte und es geht in die richtige Richtung.” Wenn wir weiter so arbeiten, dann können wir das in Zukunft immer oder öfter so haben. Es ist das Ziel, dass man aus eigener Kraft bei den Besten mitspielt und konkurrenzfähig ist.
Ist Audi Deine letzte Station in der Formel 1?
Ich denke ja. Ich bin kein Wahrsager, aber nach meinem Gefühl ja. Die Dinge können sich allerdings in der Formel 1 ändern, wie wir ständig sehen. Schauen wir, was die Zukunft bringt. Zuerst ist der Fokus auf das Wesentliche wichtig, auf die Gegenwart und dann die Zukunft.
Du bestreitest immer, dass dir die Ground-Effect-Autos besonders liegen.
Was war all die Jahre von 2010 bis 2019? War ich da Fallobst? Und bei meinen Hulken-backs! Das waren auch keine Ground-Effect-Autos! [lacht]
Einigen wir uns darauf, dass dir die alte und die aktuelle Fahrzeuggeneration lagen und liegen. 2026 ist aber alles neu: Chassis und Antrieb. Hat man als Rennfahrer Angst oder zumindest Respekt davor, wenn sich das eigene Handwerk so stark verändert?
Das spielt keine große Rolle in meinem Kopf. Für alle Fahrer gilt dasselbe: Wir müssen neu lernen, in Kindersprache: wieder Laufen lernen – so blöd es klingt. Fahren ist Fahren, aber natürlich werden sich die Autos anders anfühlen, anders verhalten und anders reagieren. Da werden die ersten sechs Monate nächstes Jahr sehr spannend. Ich sehe das als eine große Chance. Wer sich schneller reinfuchst und wohlfühlt, kann einen Unterschied machen. Von daher freue ich mich darauf, neue Dinge zu entdecken. Jetzt ist alles ziemlich repetitiv geworden. Bei den Autos gibt es nichts mehr zu entdecken. Bei neuen Regeln ist wiederum eine neue Spielwiese vorhanden. Uns erwartet eine riesige Lernkurve. Ich habe da keine Angst.
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